1. Buch: Die psychologische Ebene -> 1. Kapitel: Die Symptome -> 8. Folge: Zeit

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Zeit

Erzählung

Die Mutter steckte das Tagebuch wieder in der Schublade. Nach dem Mittag rief Lucie an. Sie fragte Barbara, wie es ihr ginge, als sie nach Hause gekommen war. Offensichtlich hatte sie Schuldgefühle, weil sie den gemeinsamen Nachmittag mit ihrer Freundin so früh beendet hatte. Aber Barbara nahm das nicht wahr. Sie hatte darüber auch gar nicht nachgedacht. Die Mutter war immer noch gereizt und Barbara war deswegen unruhig. Was machst du heute Nachmittag? fragte die Mutter, wartete aber eine Antwort gar nicht erst ab. Willst du dich nicht mal um die Universität kümmern? Ja, ich kann ja heute Nachmittag hingehen. Aber ich kann mich doch nicht einschreiben. Das geht erst in zwei Monaten. Dann beleg irgendwas! Geh einfach hin! Setz dich in eine Vorlesung. Aber ich kriege zu viel, wenn du hier den ganzen Tag nichts tust. Dieser Bescheid erfolgte schon in ziemlich scharfem Ton. Ja, sagte Barbara, stand auf und ging in ihr Zimmer. Die Mutter schlich um Barbaras Zimmer herum, aber darin rührte sich nichts. Sie hatte eine merkwürdige Scheu, hinein zu gehen oder Barbara heraus zu rufen. Sie horchte an der Tür und ging wieder weg. Im Zimmer blieb es den ganzen Nachmittag ruhig. Schließlich vergaß die Mutter das Thema. Sie machte sich daran, das Abendessen vorzubereiten. Ihr Mann würde bald kommen, auch Cornelia, die Schwester Barbaras.

Die Mutter hat Angst vor Barbara, wie umgekehrt auch Barbara vor der Mutter. Das ist eine Folge der Tatsache, dass auf beiden Seiten viel Feindseligkeit ist, die in dem ständigen Machtkampf zum Ausdruck kommt.

Barbara hatte das Gymnasium besucht, das sie vor nicht langer Zeit mit einem durchschnittlichen Abitur abgeschlossen hatte. Es gab Mädchen und Jungen, denen sie durch die langen Jahre der gemeinsamen Schule verbunden war. Es hatte Zeugnisse gegeben und Schulveranstaltungen, die den Anstrengungen der Lehrer, Schüler und auch Eltern eine Richtung gaben und ein Ziel definierten. An allem hatte Barbara teilgenommen, ohne besonders auffällig zu sein, und so hatten weder sie selbst noch die Lehrer noch die Eltern von Barbara gemerkt, dass sie nicht wirklich an all diesen Ereignissen beteiligt war. Sie erfüllte die von ihr verlangten Anforderungen, aber sie realisierte nicht, dass die Schule als eine Phase in ihrem Leben gedacht war, auf die eine andere aufbauen sollte. Barbara war mit ihren Symptomen beschäftigt.

Symptome haben aber keine sinnvolle Beziehung zur äußeren Welt. Z. B. das Fressen von Barbara ist ekelig oder faszinierend, aber es ist auch langweilig, weil es sich immer nur wiederholt. Weder Barbara noch die Menschen um sie herum konnten darin einen Sinn entdecken. Barbara lebte nur in der Gegenwart. Aber von Gegenwart zu sprechen ist nur sinnvoll, wenn es eine Zukunft gibt, und da Barbara keine Zukunft hatte, lebte sie in gewisser Weise zeitlos. - Und doch gab es eine Dramatik im Leben dieser Frau.

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