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und die Folgen

Erzählung

Die Beruhigung und Faszination der ersten Minuten waren nun der Angst gewichen. Kläglich und leise rief Barbara nach der Mutter. Als hätte sie etwas geahnt, war die Mutter augenblicklich im Bad. Es dauerte lange Sekunden, bis sie handeln konnte. Dann entfuhr ihr ein Schreckensschrei und der Vater kam mit Cornelia ins Bad gelaufen. Sie standen alle um Barbara herum, die weinerlich und schuldbewusst inmitten des Blutes stand. Es war nicht das erste Mal, dass Barbara sich schnitt. Die Narben an ihrem Arm waren eine ständige Erinnerung daran. Aber das hier, das war etwas Neues. Das war kein Schneiden, wie sie es kannten, das hier war eine Schlachtung - wie die Mutter später sagen würde.

Wieder ein heftiges Gefühl, hier von Neid, das Barbara auf keinen Fall empfinden darf. Sie wehrt es ab durch die Selbstverletzung. So schwer die ist, so heftig und aggressiv muss das eigentliche, verdrängte Gefühl gewesen sein. Das Symptom des Sich-schneidens erledigt mehrere Aufgaben: Es ist eine Verschiebung des Hasses, der eigentlich die Schwester meint, auf sich selbst. Zugleich ist es Selbstbestrafung für die-ses böse Gefühl. Schließlich hat es wohl auch eine lustvolle Komponente, nämlich den Triumph über den Schmerz.

Cornelia rannte zum Telefon und rief nach der Feuerwehr. Meine Schwester will sich umbringen. Am Telefon hörte sie eine beruhigende Stimme, die nach der Adresse fragte. Was ist denn passiert? Der Notarzt war auch ziemlich schnell da. Barbara hatte eine gro-ße Vene am Arm mitten durch geschnitten. Nicht ungefährlich, meinte der Arzt. Sie hätten verbluten können. Aber umbringen wollte sich Barbara nicht. Sie hatte selbst Angst bekommen, als es nicht aufhören wollte zu bluten. Der Notarzt versorgte die Wunde notdürftig und schickte Barbara mit den El-tern in die Ambulanz der Klinik. Dort wurde die Schnittwunde ge-näht. Man wollte sie in die Psychiatrie verlegen, weil sie doch einen Selbstmordversuch gemacht hatte, wie es der Arzt ausdrückte. Aber das Versprechen der Eltern, auf Barbara aufzupassen, Barbaras Versicherung, dass sie sich nicht umbringen wollte, was der Arzt schließlich auch glaubte, weil er die Narben der früheren Schnittwunden sah und dachte, dass man versucht die Pulsadern aufzuschneiden und nicht in die Mitte des Unterarms schneidet, wenn man sich umbringen will, schließlich dass sie mit der Mutter schon morgen zum Hausarzt gehen wollte, bewirkte, dass man sie gehen ließ.


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