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Ein Traum

Erzählung

Sie setzte sich in ihr Zimmer. Der Bauch drückte. Die Speisen waren in ihr wie Fremdkörper. Es war ein riesiges Gebilde in ihr, das ihren Bauch ausdehnte, mit dem sie jetzt nichts mehr zu tun haben wollte. Voller Ekel stand sie auf, ging ins Bad. Sie beugte sich übers Klo, berührte mit dem Finger den Zungengrund und erbrach sich. Zuerst kam es in großen Wellen, dann würgte sie immer auf neue, bis es nur noch weh tat. Sie spülte und säuberte die Toilettenschüssel, wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne, um den üblen Geschmack los zu werden. Der Hals kratzte. Das Bad roch nach Erbrochenem. Sie öffnete das Fenster. Voller Scham warf sie sich auf ihr Bett.

Die Heftigkeit dieses bulimischen Anfalls zeigt, wie intensiv die Enttäuschung eigentlich war, die Barbara abwehren musste.

Später stand die Mutter fassungslos vor dem leeren Kühlschrank. Es war zwar nicht das erste Mal, doch hatte sie sich an die Fressanfälle ihrer Tochter noch nicht gewöhnt. Barbara wachte auf. Es war mitten in der Nacht. Immer noch hatte sie einen üblen Geschmack im Mund. Sie schlich ins Bad und putzte sich noch einmal die Zähne. Aber die Scham war weg. Der vergangene Tag war wie ausgelöscht. In der Nacht hatte sie einen Traum. Sie war in einem Kaufhaus und kaufte sich Kleider. Sie zog mehrere Kleider über einander an, worüber sie sich wunderte. Aber die Verkäuferin fand das sehr schön, und die Kunden im Geschäft schauten mehr und mehr nach ihr und klatschten Beifall. Mit jedem Kleidungsstück, das sie über das andere zog, schwoll der Beifall an. Sie selbst hörte nicht auf, sich zu wundern, weil sie unheimlich dick dadurch wurde. Schließlich konnte sie sich kaum noch bewegen. Aber die vielen Menschen standen bewundernd um sie herum und unterhielten sich darüber, wie schön Barbara in ihren vielen Kleidern war.

Dieser Traum, der an das Erlebnis mit Lucie anknüpft, verrät uns die verdrängten Wünsche von Barbara. Sie möchte schön sein und deswegen bewundert werden. Sie möchte auch viele schöne Kleider haben und zieht sie darum, nach der Manier eines kleinen Kindes, alle auf einmal an. Auf diese Weise wird sie auch dicker. Damit verharmlost sie in dem Traum zugleich den Fressanfall. Der Traum deutet den dicken Bauch, den Barbara durchs Essen hatte, um: Der Fressanfall hat überhaupt nicht stattgefunden, dick war sie durch die Kleider und im übrigen fanden die Menschen das alles toll.

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