1. Buch: Die psychologische Ebene -> 1. Kapitel: Die Symptome -> 3. Folge: Shopping

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Shopping

Erzählung

Barbara schob Lucie in ihr Zimmer, doch die Freundin drängte nach draußen. Also zog Barbara ihre Schuhe an und die beiden gingen zusammen aus dem Haus. Barbara lief hinter ihrer Freundin her. Wo willst du hin? fragte sie atemlos, weil Lucie losstürmte, als sei sie im Training. Ich will mir Klamotten kaufen, und du sollst mir dabei helfen, antwortete sie. Was denn? Mal sehen. Was für warme Tage. Vielleicht ein kurzer Rock mit Bluse oder ein Kleid. Für Lucie war das Kaufen, wenn es um Klamotten ging, eine lustvolle Angelegenheit, für die Verkäuferinnen eine Geduldsprobe. Lucie hatte eine gute Figur, so stand ihr vieles. Durch das Anprobieren entschädigte sie sich dafür, dass sie die schönen Sachen nicht alle kaufen konnte; denn woran es ihr am meisten mangelte, war natürlich Geld. Ist es gut? Steht es mir? Wie passt das zusammen? Oder besser grün, ist das nicht besser? Barbara hatte Schwierigkeiten, auf solche Fragen zu antworten, sie wusste nicht, was die Freundin genau wissen wollte. Das Einkaufen kannte Barbara von ihrer Mutter, die eine elegante Frau war. Die Mutter war schön, aber für Barbara eine schreckliche Schönheit. Barbara fühlte sich oft geblendet von ihr, wich ihr aus. Mit Lucie war das etwas anderes. Lucie war ihre Freundin. Und doch war sie ihr jetzt fremd. Barbara hatte sich früh einen Kleidungsstil zugelegt: blauer Rock, gern auch etwas kürzer, schließlich hatte sie dünne Beine, weiße oder hellblaue Bluse, zwei Knöpfe offen. Das trug sie in Variationen jeden Tag. Dadurch ersparte sie sich die Frage, die Lucie beim Einkaufen bewegte: Bin ich damit attraktiv? Eine Welt steckt in dieser Frage. Wie sollte ausgerechnet Barbara ihrer Freundin diese Frage beantworten? Barbara hatte keinen Begriff von Schönheit. Sie wusste nicht, wie sie hätte aussehen müssen, um sich attraktiv zu finden. Wenn sie mit ihrem Aussehen einigermaßen zufrieden war, dann hatte das eine ganz andere Bedeutung. Sie meinte damit, dass sie im Krieg mit ihrem Körper eine siegreiche Schlacht geschlagen hatte.

Barbara hatte die Sinnlichkeit verdrängt, weil sie Angst davor hatte. Auch die Angst wehrte sie ab, und konnte sie nicht empfinden. Wir werden später diesen Prozess besser verstehen.

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