1. Buch: Die psychologische Ebene -> 1. Kapitel: Die Symptome -> 11. Folge: Schuldgefühle

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Schuldgefühle

Erzählung

Am nächsten Tag ging Barbara mit ihrer Mutter zum Hausarzt der Familie. Dr. Abel war ein fülliger Mann, der half, ohne unnötig zu fragen. Er würde weder Barbara noch die Mutter fragen, wie es zu dem Schneiden gekommen war, wenn er spürte, dass sie darüber nicht gerne sprechen. Und er hatte ein gutes Gespür für solche Situationen. Unterwegs erzählte die Mutter, was oft Thema zwischen beiden war, dass ihre Mutter, die Oma von Barbara, ihr Vorwürfe gemacht habe, nämlich dass sie mit ihrem Mann nicht gut umginge. Die Mutter redete dann wie ein Wasserfall. Dass die Oma doch selbst eine schlechte Ehe geführt habe, dass der Vater von Barbara bestimmt eine seiner üblichen Bemerkungen gegenüber der Oma gemacht habe, dass sie sich solche Mühe gebe, dass sie keine Lust mehr habe, dass Barbara das verstehen müsse. Barbara hörte aufmerksam zu. Sie sagte, dass sie den Kummer der Mutter verstünde, dass die Mutter immer allein da stehe, dass man doch sehen könne, wie viel Mühe sie sich gebe, dass es von der Oma bestimmt nicht bös gemeint sei, dass sich die Oma einsam fühle, dass der Vater wahrscheinlich etwas völlig anderes gesagt habe, dass sich die Mutter ruhig einmal aussprechen solle, dass die Mutter es doch besser als die Oma habe, da sie nicht allein sei, dass sie eine gute Mutter sei, dass der Vater bestimmt froh sei, eine so gut aussehende Frau zu haben, dass sie, Barbara, wisse, was die Mutter alles für ihren Mann, die Kinder und die Oma tue.

Dass die Mutter nun die Oma anklagt und sich rechtfertigt, zeigt dass sie Schuldgefühle hat, die sie auf diese Weise los werden will. Vermutlich spürt sie, wie sehr sie in die Verhaltensweisen von Barbara verstrickt ist. Eigentlich sollte Barbara Schuldgefühle haben. Sie hat der Familie durch ihr Verhalten einiges angetan.

Derweil waren sie in der Praxis angekommen. Die beiden setzten sich in das volle Wartezimmer, schwiegen und blätterten in den herum liegenden Zeitschriften. Plötzlich bekam einer der Wartenden einen Niesanfall. Ein Mann mit einem feuerroten Schal, den er sich mehrere Male um den Hals gewickelt hatte, musste niesen, ein Mal, zwei Mal, drei Mal ... es hörte gar nicht mehr auf. Alle schauten hoch. Der Mann fingerte hastig nach einem Taschentuch, aber zu spät, die Rotz rann ihm aus der Nase. Der Mann wischte sich das Gesicht. Jeder tat so, als habe er nichts gesehen. Da stand er auf, wedelte mit den ausgestreckten Armen und lief tänzelnd durch den Raum. Wollt ihr wohl machen, dass ihr fortkommt, ihr kleinen Scheusale, Viren- und Bakterienbrut! Nun lasst doch den armen Klaus und die netten Leute hier in Ruhe! Er huschte zur Tür, öffnete sie weit und fächelte die Luft hinaus. Weg mit euch, hinweg! Dann schloss er die Tür, kehrte zu seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme über einen großen bunten Regenschirm und nahm den lautlosen Beifall der Anwesenden entgegen.

Der erkältete Klaus ist auch ein schräger Typ (er kommt später noch mal vor), aber ganz anders als Barbara. Sein Verhalten, obwohl auch skurril, hat eine kommunikative Bedeutung, die man versteht. Man soll z. B. darüber lachen. Bei Barbara ist die kommunikative Bedeutung ihres absonderlichen Verhaltens nur dann erkennbar, wenn man es deutet – wie wir es versuchen.

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