1. Buch: Die psychologische Ebene -> 1. Kapitel: Die Symptome -> 9. Folge: Schneiden

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Schneiden

Erzählung

So vergingen die Tage. Nur selten wurde das Einerlei unterbrochen. Wenn sie nicht in ihrem Zimmer war oder kurz das Haus verließ, saß Barbara oft stundenlang in einem Sessel. Dachte sie dann an etwas? Beschäftigte sie sich mit ihren Phantasien? Oder hatte sie Gefühle, die sie in Anspruch nahmen? Den anderen um sie herum war das unheimlich. Sie machten immer aufs neue Versuche, in Kontakt mit ihr zu kommen, um so irgendwie Einfluss auf ihr Verhalten nehmen zu können. Ich muss heute in die Stadt, etwas zu erledigen. Willst du mitkommen? fragte die Mutter. Nö, war das, was Barbara dazu heraus brachte. Mein Gott, willst du denn wieder nur den ganzen Tag rumsitzen? Keine Antwort von Barbara. Antworten kannst du ja wenigstens. Jetzt komm schon mit! Keine Antwort. Zum Donnerwetter noch mal! Barbara zuckte zusammen. Sie ging mit. Katastrophen kamen - wie es schien - aus heiterem Himmel. Barbara hatte den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbracht. Die Mutter war nicht hinein gegangen. Am Nachmittag hatte Cornelia, die Schwester, eine längere Unterhaltung mit Barbara. Es ging um den Freund von Cornelia, mit dem sie ein Wochenende verreisen wollte. Cornelia erzählte, wie sie ihren Freund dazu gewonnen hatte und was sie im einzelnen plante. Sie brauchte jemanden, dem sie das erzählen konnte, weil sie sich auf die Reise freute. Die Schwester hörte sich das an, sagte nichts dazu. Zum Abendessen kam Barbara an den Tisch, aß aber, wie üblich, kaum etwas. Dann ging sie wieder schnell in ihr Zimmer. Sie hörte Musik. Sie war unruhig, ohne zu wissen, warum. Sie machte sich daran, die Eintragungen in ihrem Tagebuch zu vervollständigen. In der Regel beruhigte sie das, aber heute nicht. Wieder ging sie auf und ab. Dann ging sie ins Bad und kramte in einer der Schubladen. Ganz hinten, in einem Täschchen hatte sie Rasierklingen versteckt. Sie holte eine heraus. An der Klinge klebte Blut. Sie legte sie an den Unterarm. Ganz leicht war die Klinge, sie führte sie über die Haut. Es war ein leichter Kratzer, die Haut spreizte sich etwas. Es war kein Blut zu sehen, nur die weiße Haut und der Schlitz. Plötzlich schoss das Blut in die Schnittränder, einen winzigen Augenblick sah man es aus den Adern heraus quellen. Wie in Trance schnitt Barbara mit mehr und mehr Druck auf die Klinge. Das Blut quoll breit aus der Schnittwunde, tropfte ins Waschbecken, vermischte sich da mit der Nässe des Beckens. Barbara guckte fasziniert. Schmerz spürte sie nicht. Die Unruhe war verschwunden. Trotz des Blutes konnte man erkennen, dass die Wunde weit klaffte, dass der Schnitt bis in den Muskel gegangen war. Barbara nahm ein Handtuch, das neben dem Becken hing und drückte es auf die Wunde. Einige Minuten stoppte der Fluss. Das Handtuch färbte sich rot. Sie warf es weg. Nun floss das Blut über den Arm auf den Boden. Im Nu hatte sich eine Lache gebildet. Mitten darin stand Barbara. Sie machte einen Schritt. Da war eine Fußspur aus Blut.


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