1. Buch: Die psychologische Ebene -> 1. Kapitel: Die Symptome -> 12. Folge: Robert

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Robert

Erzählung

Später rief Frau Rein Robert, einen befreundeten Rechtsanwalt, an. Sie erzählte, dass sich Barbara im Bad geschnitten und daran fast verblutet wäre, wie es der herbei gerufene Arzt gesagt hatte, was man aber auch hatte sehen können, so dass die Katastrophe, die doch schlimm war, leicht hätte noch viel schlimmer sein können, eine Schlachtung sei es gewesen, auch der Notarzt sei erschrocken gewesen, drei Stiche hätten sie in der Klinik gemacht, und dann sollte sie in die psychiatrische Klinik, aber sie ist doch nicht verrückt, ob das denn möglich sei, dass Barbara auch gegen ihren Willen in die Klinik müsse, das wolle sie ihn fragen. Der Bericht war so atemlos, dass Robert den Eindruck hatte, Barbara, deren Schnittwunde inzwischen ordentlich genäht und verbunden war, stehe noch inmitten ihres Blutes im Bad der Familie Rein. Das arme Kind. Sie hat nicht mal geweint. Das muss doch weh getan haben. Und Blut, überall nur Blut. Ich verstehe gar nicht, so viel Blut hat sie verloren. Mein Gott, wenn ich mir vorstelle, dass der Arzt nicht schnell gekommen wäre. Sie können sich gar nicht vorstellen, was das alles für mich bedeutet hat. Natürlich gibt es die Möglichkeit, jemanden auch gegen seinen Willen einzuweisen, aber ob es im Fall von Barbara so war, konnte Robert auf Anhieb nicht beantworten. Er wollte sich aber kundig machen und versprach, sich zu melden. Robert war etwas erregt. Stellen Sie sich das mal vor! sagte er zu seiner Sekretärin. Das ist wie eine Sucht, meinte die. Ich habe neulich gelesen, dass die jungen Mädchen wetteifern, wer sich am tiefsten schneiden kann. Und seine Frau meinte, Frauen leiden gern. Aha, sagte er. Das erklärt alles. Später fügte sie hinzu: Sag mal, die Mutter von diesem Mädchen, die ist aber auch komisch. Robert machte sich kundig und rief Frau Rein am nächsten Tag an. Also, da sich Barbara nicht umbringen wollte und auch keinen anderen bedroht hat, bestand kein Anlass und auch keine Möglichkeit, sie gegen ihren Willen in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen. Entmündigt ist sie ja nicht. Weiter beschäftigte er sich nicht mit der Sache. Robert fragte nicht gern, warum die Menschen etwas tun. Es genügte ihm, dass sie alle verschieden waren, manche sehr verschieden. Er dachte, dass doch jeder selbst wissen müsse, wie er leben will, und es sei doch schön, dass sie alle so verschieden sind, die Menschen. Barbara z. B. war offensichtlich auch sehr verschieden, und das machte ihn neugierig auf sie. Ein junges Mädchen, dass sich den Unterarm aufschneidet, so dass das Blut in Strömen heraus fließt! Er stellte sich vor, wie sie immer blasser wurde, fast durchsichtig, bis kein Blut mehr in ihr war. Eine durchsichtige junge Frau, ein ätherisches Wesen, blond wie ein Engel. Der Gedanke, dass sie verrückt sei, kam ihm nicht.

Robert kommt in dieser Geschichte öfter als Gegenbeispiel für Barbara und ihre Familie vor. Er nimmt die Merkwürdigkeiten von Barbara wahr, aber er lässt sich nicht verstricken. Er kann sich raushalten. Das macht seine Normalität aus und ist auch ein Grund, warum er meist gute Laune hat.

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