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Lust

Erzählung

Draußen ging die Mutter am Bad vorbei. Ihre Schritte verrieten keine Aufregung. Also würde es ein ruhiger Vormittag, vielleicht sogar Tag werden. Barbara kramte aus ihrer Schublade ein Fläschchen hervor, Night Balsam. Sie öffnete es. Darin war ein Abführmittel. Barbara nahm einen Schluck und versteckte die Dose wieder tief in der Schublade. Dann griff sie nach einer Flasche Natürliches Hautöl und rieb den Körper damit sorgfältig ein, erst lange das Gesicht. Sie nahm viel Öl, so dass die Haut glänzte. Sie rieb die Arme ein, dann die Beine, dann den Oberkörper und schließlich die Hüfte. Die Scham kam zuletzt dran. Sie rieb die Schamlippen ein, die Stelle, an der sie vorne zusammen laufen und den Damm. Die zarte rosa Haut ihres Geschlechts betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Unbemerkt machte sich der Finger, der Bruder ihres Körpers, selbständig, tastete sich über Haut und Haare und erkundete Falten und Grüfte. Es war keine Erregung, auch keine Lust, was sie spürte. Es war eine Lust des Körpers, an der sie nicht teilhaben konnte. Es war nicht ihre Lust, es war seine.

Natürlich kann Barbara ihre körperlichen Bedürfnisse nicht wirklich ignorieren. In ihrem Verhalten kommt also, wie wir schon gesehen haben, zum Ausdruck, dass sich der Körper mit seinen Bedürfnissen nicht abweisen lässt. Barbara tut also so, als gehe sie das ganze nichts an. Sie spaltet die Lust des Körpers ab.

Schließlich hörte sie die Mutter: Barbara! Ja, kommst du denn gar nicht! Es ist schon fast 12 Uhr. Sie zog sich an. Am Nachmittag kam Lucie. Lucie war seit den Kindergartentagen eine Freundin von Barbara. Sie hatte schon lange einen festen Freund, von dem sie behauptete, dass er sie heiraten wolle. Er habe ihr schon einen Heiratsantrag gemacht, sagte sie oft, besonders gerne, wenn er anwesend war. Aber sie heiratete dann doch einen anderen. Später, als Barbaras Weg für lange Zeit in die Vereinsamung führte, unternahm sie große Anstrengungen, den Kontakt zu ihr aufrecht zu erhalten. Die Freundin hatte eine Dose in der Hand. Selbst gebackene Plätzchen, erklärte sie und hielt Barbaras Mutter die Dose unter die Nase. Frau Rein zierte sich ein wenig, guckte Lucie fragend an. Meine neue Mütterlichkeit ergänzte Lucie. Ich habe es mit den Plätzchen versucht. Ist doch gelungen, oder? Barbara, der nicht nach essen zu Mute war, konnte sich der Aufforderung der Freundin nicht entziehen und griff zu. Lucie machte eine theatralische Verbeugung in Richtung von Frau Rein – als ahnte sie, was in ihr bei diesem Anblick vorging.

Nämlich, dass die Mutter sich fragte, warum Barbara von der Freundin aß, aber nicht das, was sie ihr anbot. Wir bemerken, dass die Anorexie auch ein Machtkampf zwischen Mutter und Tochter zu sein scheint. Wenn Barbara das Essen der Mutter ablehnt, lehnt sie damit auch deren Mütterlichkeit ab.

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