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Gefühle

Erzählung

Es war faszinierend für sie zu sehen, mit welchen Augen sich Lucie betrachtete, wie ihr das Urteil der Verkäuferin wichtig war und wie sie es doch relativierte. Es war ein Ausflug in die normale Weiblichkeit, an der Lucie Barbara teilhaben ließ. Barbara mochte die Freundin sehr und bewunderte sie. Wenn Lucie fand, dass die blaue Farbe ihrer Augen bei diesem Stoff zur Geltung kam, wenn sie enttäuscht war, dass ein schönes Stück ihr doch nicht stand oder ihr Bedauern, wenn es zu teuer war - Barbara nahm Anteil daran. Sie lachte mit Lucie und ärgerte sich mit ihr. Aber sie hatte kein eigenes Urteil über das, was geschah.

Barbara bedeutete das alles nichts, weil sie keine richtige Vorstellung von der Wirklichkeit hatte. Das klingt geheimnisvoll, wird aber später klarer.

Lucie hatte sich schließlich für etwas Buntes entschieden und, weil der Tag sehr warm war, etwas Lockeres. Erschöpft betraten sie ein Café. Lucie bestellte einen Kaffee, Barbara einen Tee. Lucie redete viel, wie es ihr Temperament war. Ihr ging nie der Gesprächsstoff aus. Dass sie mit den Eltern hatte kämpfen müssen, um eine Zeitlang im Ausland studieren zu können, dass es der Bruder viel leichter mit der Mutter hatte, dass Lucie die neue Mode sehr gefiel, dass sie einen netten jungen Mann kennen gelernt hatte, der gar nicht mehr so jung war und eine Frau fürs Leben suchte, aber heiraten wollte sie denn nun doch noch nicht. Barbara saß artig auf ihrem Stuhl, trank Tee ohne Zucker, schaute Lucie an und sagte Ja und Ach und Na, so was! Manchmal fragte sie auch nach, ob es nun der Bruder von Lucie war oder ihr Freund, der es leichter hatte mit den Eltern, oder überhaupt. Die beiden lachten schließlich wie in alten Schultagen. Barbara hörte Lucie zu, aber den Triumph, den Lucie empfand, als sie sich bei den Eltern durchgesetzt hatte, den Stolz und Neid der Mutter, die wehmütige Liebe des Vaters, was in dem Bericht von Lucie anklang, ohne dass sie es direkt sagte, all das verstand Barbara nicht. Lucie ihrerseits registrierte das Unverständnis von Barbara, aber sie machte sich keine Gedanken darüber. Weltfremd, dachte sie nur.

Lucie kann im Gegensatz zu Barbara die eigenen Gefühle und die ihrer Eltern empfinden, auch wenn sie sie nicht direkt benennt. Barbara kann ihre Gefühle nicht wirklich wahrnehmen und kann insofern die Gefühle von Lucie nicht teilen. So bleibt die Unterhaltung und auch die Beziehung zwischen den beiden ohne Tiefe.

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