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Ein Fressanfall

Erzählung

Sie hatten verabredet, abends zusammen ins Kino zu gehen. Aber Lucie wollte plötzlich nicht mehr. Barbara protestierte nicht. Das wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Sie verabschiedete sich freundlich von Lucie und ging nach Hause. Barbara spürte weder Ärger noch Enttäuschung. Sie dachte überhaupt nicht an Lucie oder den Nachmittag. Als sie im Bus saß, dachte sie ans Essen. Nicht dass sie hungrig gewesen wäre. Sie überlegte, was wohl im Kühlschrank sein könnte. Wie war es verpackt, was könnte sie essen? Den ganzen Weg über, im Bus und auf dem Fußweg nach Hause, dachte sie ans Essen.

Hier können wir beobachten, wie ein Symptom angetriggert wird: Lucie hält sich nicht an die Verabredung, bricht den Nachmittag ab. Vielleicht fand sie es denn doch etwas anstrengend mit Barbara. Für Barbara war das eine Enttäuschung. Aber sie kann oder will diese Enttäuschung nicht empfinden. Das Gefühl der Enttäuschung sucht sich ein Ventil, weil sich Gefühle nicht folgenlos verdrängen lassen.

Zu Hause angekommen, setzte sie sich in ihr Zimmer. Sie fühlte sich leer. Es war eine Leere, die sie nicht hätte benennen können. Unruhig stand sie auf, ging in die Küche und wieder zurück. Niemand außer ihr war im Hause. Sie stand auf und ging wieder in die Küche. Sie öffnete den Kühlschrank und aß. Sie aß die Speisen kalt aus der Verpackung. Käse, den Schinken, eine Schüssel mit Kartoffeln, die Soße, die von gestern übrig geblieben war, dazu Brot in großen Brocken. Sie aß den Kühlschrank leer. Danach rührte sie sich Haferflocken in eine Schüssel mit Milch. Sie aß einen halben Becher Joghurt, danach Tomaten. Von der Butter aß sie mit dem Löffel. Gierig stopfte sie sich alles in den Mund. Dann fand sie noch eine Dose Ananas und eine mit Apfelkompott. Barbara hörte erst auf, als es nichts mehr zu essen gab. Der Bauch war so dick geworden, dass sie ihre Hose geöffnet hatte. Sie konnte sich kaum bewegen. Die Gier und der Heißhunger hörten allmählich auf. Übrig blieb das Gefühl der Übervölle.

Barbara hat auch eine Bulimie. Auslöser ist ihr Gefühl der Leere. Dieses Gefühl der Leere entstand, weil die uneingestandene Enttäuschung über Lucies Absage, noch ins Kino zu gehen, Zorn erzeugt hat, der das innere gute Bild der Freundin zerstörte. Die Leere versucht sie mit Speisen zu füllen. Der Zorn, den Barbara nicht spüren kann, zerstört ihre inneren Bilder der Menschen, die sie liebt. So ist sie verlassen; denn nur die verinnerlichten liebenden Menschen könnten sie davor schützen, verlassen zu sein, wenn sie allein ist.

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