1. Buch: Die psychologische Ebene -> 1. Kapitel: Die Symptome -> 7. Folge: Essrituale

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Essrituale

Erzählung

Am nächsten Morgen stand sie zeitiger auf. Im Badezimmer gab es keine Spuren mehr von der Nacht. Es roch nach parfümierter Seife, die Cornelia, die jüngere Schwester, benutzt hatte. Barbara hatte nichts besonderes vor. Vielleicht würde sie am Vormittag etwas spazieren gehen. Früher war sie auch gejoggt. Das fiel ihr inzwischen schwer. Sie ging lieber stramm spazieren. Beim Frühstück war die Mutter gereizt. Iss! sagte sie zu ihrer Tochter. Der Ton war scharf. Barbara fügte sich und nahm das Brötchen, und als sie es so trocken abbiss, herrschte die Mutter sie an: Schmier dir was drauf. Ich habe es extra für dich heute morgen gekauft. Barbara kratzte langsam und widerwillig Butter auf das aufgeschnittene Brötchen und legte Käse darüber. Sie kaute und kaute. Die Mutter wurde immer gereizter, Barbara immer langsamer. Schließlich steckte sie den Rest des Brötchens in die Tasche, zog eine Jacke über und ging aus dem Haus. Das Brötchen warf sie unterwegs weg. Kaum war Barbara weg, lief die Mutter die Treppe hinauf in Barbaras Zimmer. Sie griff in die unterste Schublade des Schreibtisches und holte ein in Leinen gebundenes Büchlein heraus. Sie schlug es auf. 14. 3. -Frühstück: 1/2 Apfel, 1/2 Brötchen mit Honig, 1 T. Kaffee mit fettarmer Milch, 2. Tasse dto., aber nicht ganz getrunken; Mittag: 1 kl. Salat, (Kopfs.) mit Essig und 1/2 EL Öl, 1 Scheibe Weiß-brot, 1 Glass Wasser; Abendbrot: 2 Kartoffeln, Bohnengemüse, gekocht mit Salz und Butter (!), Soße 1 Löffel, (nicht vom Braten),1 Gl. Wasser; zwischendurch: 2 Glas Obstsaft. Die Mutter hatte es schon viele Male gelesen. Sie starrte auf das geschriebene, als wollte sie den verborgenen Sinn entschlüsseln. Sie blätterte darin. 19. 3. -Ich bin eine verkommene Kreatur, eine fette Sau. Nichts mache ich richtig. Heute wieder gefressen, Schokolade 2 Tafeln und fast eine halbe Wurst. Barbara hatte eine regelmäßige, gestochene Schrift, sie schrieb nur mit Tinte. Die Mutter schüttelte den Kopf. Immer wieder las sie das Gleiche. Sie wollte eine Antwort. Sie wollte wissen, was in Barbara vorging, wenn sie den Kühlschrank leer aß, wenn sie sich stundenlang in ihrem Zimmer aufhielt. Aber sie bekam diese Antwort nicht, nicht wenn sie Barbara fragte, nicht wenn sie heimlich in ihrem Tagebuch las, nicht wenn sie an der Tür horchte.

Sie bekam keine Antwort, weil auch Barbara keine wusste. Man versteht die Ratlosigkeit der Mutter gut. Aber dass sie die Intimität ihrer Tochter so missachtet, macht alles nur schlimmer. Und wenn Barbara auch nicht mitbekommt, dass die Mutter in ihrem Zimmer schnüffelt, ahnt sie es doch, und das vergiftet die Beziehung. Die Symptome Barbaras sind unter anderem ein Ausdruck dieses Beziehungskonfliktes. Merkwürdig ist, dass Barbara sich beschimpft wegen des Essens. Wahrscheinlich spürt sie unbewusst, dass ihre Essprobleme Ausdruck von Aggressionen gegen die Mutter sind. Dafür macht sie sich diese Vorwürfe. Es wäre also eine doppelte Abwehr: Sie verschiebt die Vorwürfe von der Mutter auf das Essen und wendet sie zugleich gegen sich selbst.

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