1. Buch: Die psychologische Ebene -> 3. Kapitel: Barbaras Versuch, selbständig zu werden -> 29. Folge: Barbara und Robert

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Barbara und Robert

Erzählung

Nur einmal dauerte ein Ausflug etwas länger. Barbara hatte reichlich Geld mitgenommen und brachte es fertig, sich in einer Wohngemeinschaft einzumieten. Diesmal brachte auch der Spürsinn der Mutter nichts. Sie blieb verschollen. Jetzt hatte sie sich bestimmt umgebracht. Bis eines Tages ein Brief kam, nicht an die Eltern, sondern an den mit der Familie befreundeten Anwalt, an Robert, adressiert. Liebe Mama, war da zu lesen, es geht mir gut. Sei mir nicht böse, dass ich Euch ohne Nachricht gelassen habe. Ihr habt Euch immer um mich gekümmert. Es tut mir darum leid, Euch verletzt zu haben. Jetzt bitte ich euch, mir Geld zu schicken, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann. In Liebe Eure Barbara. Robert wandte sich an Frau Rein, die sofort nach der Adresse von Barbara fragte. Aber er machte geltend, dass Barbara nicht an ihn geschrieben hätte, wenn sie ihre Adresse hätte preisgeben wollen. Die Mutter hielt nichts von Schweigepflicht, aber was sollte sie machen? Verärgert gab sie Robert das Geld und der fuhr zu Barbara, um es zu überbringen. Er traf Barbara in der Wohnung an. Das Zimmer war klein und dunkel. Es gab keine Möbel, nur eine Matratze mit Bettzeug, daneben eine Zeitung und eine Flasche Mineralwasser. An der Seite standen ordentlich aufgereiht einige Plastiktüten, deren Inhalt Robert verborgen blieb. An Barbara selbst fiel ihm nichts Besonderes auf. Sie wirkte gepflegt, obwohl sie keine Kleider mitgenommen hatte. Barbara schien sich zu freuen. Nachdem Robert erklärt hatte, was seine Mission war, bemerkte er: Hast du dich in der Stadt etwas umgesehen? Nette Menschen kennen gelernt? Nein, ich gehe nicht nach draußen, antwortete Barbara. Deine Mutter möchte wissen, wie du hier lebst, und vor allem möchte sie deine Adresse haben. Ich will aber nicht ohne dein Einverständnis sagen, wo du bist. Sagen Sie meiner Mutter nicht, wo ich wohne, bat Barbara. Sie wird mir böse sein. Kann ich aushalten. Aber ich frage mich, ob dir damit gedient ist. Wie soll es weitergehen? Ich weiß nicht, sagte Barbara und schwieg. Komm, wir gehen Essen, schlug Robert vor. Barbara führte ihn in ein vegetarisches Restaurant. Warum bist du denn weggelaufen? meinte Robert beim Essen. Barbara aß weiter ohne aufzusehen. Gab es Schwierigkeiten? Barbara sagte nichts. Ich bin es gewöhnt, den Mund zu halten. Als Anwalt bin ich doch zu Verschwiegenheit verpflichtet. Barbara schwieg weiter. War es denn nicht möglich einfach auszuziehen, mit Zustimmung der Eltern? Nein, entgegnete Barbara. Ich weiß nicht. Was soll ich deiner Mutter sagen? Dass es mir gut geht. Robert war genervt. Warum bekam er denn keine Antwort, mit der er etwas anfangen konnte? Diese junge Frau machte ihn völlig hilflos. Das ganze hatte er sich anders vorgestellt und seine Neugier auf diese merkwürdige junge Frau war zunächst einmal verschwunden. Er gab ihr das Geld und verabschiedete sich. Auf dem Rückweg rief er seine Frau an, plauderte mit ihr, nur um die Gedanken an Barbara los zu werden.

Barbara hatte Robert keine Antwort auf seine Fragen gegeben, weil sie keine hatte. Sie war, einer Eingebung folgend, weggelaufen, aber es war kein konkreter Plan gewesen, der sie aus dem Haus getrieben hatte. Auch das Zimmer hatte sie zufällig gefunden. Es ging ihr nicht um eine irgendwie akzeptable Zukunft. Sie wollte Freiheit. Aber sie hatte sich nicht einmal bewusst machen können, dass sie Freiheit von den Eltern wollte. Darum konnte sie auch nichts mit der Freiheit anfangen.

Den Bericht über den Zustand ihrer Tochter nahm Frau Rein ohne Kommentar, aber reserviert zur Kenntnis. Als Robert sich verabschiedet hatte, wurde die Mutter von unbändigem Zorn gepackt. Sie ging in Barbaras Zimmer, riss die Bilder von den Wänden, zog die Schubladen heraus und warf alles auf den Boden. Sie tobte und schrie. Immer wieder trampelte sie auf den Dingen herum. Erst nach Stunden beruhigte sie sich. Wenig Tage später rief Barbara an und bat darum, abgeholt zu werden. Die Mutter tat es ohne Kommentar. In Barbaras Zimmer fehlte zwar einiges, doch war es wieder aufgeräumt.


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<- 28. Folge: Der erste Ausflug