1. Buch: Die psychologische Ebene -> 3. Kapitel: Barbaras Versuch, selbständig zu werden -> 31. Folge: Warum es nicht klappte

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Warum es nicht klappte

Erzählung

Aber die Sache entwickelte sich anders. Der Psychologe echauffierte sich und Barbara blieb ruhig. Er opponierte gegen die Mutter und Barbara hörte zu. Der junge Psychologe sprach zunächst kritisch, dann abfällig und schließlich denunzierend von ihrer Mutter. Schließlich ließ er sich dazu verleiten, der Mutter einen Brief zu schreiben. Barbara braucht mehr Freiheit. Wenn Sie ihr diese Freiheit geben, werden auch die Schwierigkeiten, die Barbara mit sich und der Welt hat, verschwinden können, dann erst macht eine Psychotherapie Sinn, schrieb er. Die Mutter war verärgert, dass sie an den Schwierigkeiten von Barbara die Schuld tragen sollte. Aber sie antwortete höflich: Ich kann nicht erkennen, dass ich oder jemand anders aus der Familie daran schuld sein sollte, dass Barbara Probleme hat. Wir hatten gehofft, Sie könnten Barbara helfen, aus ihren Schwierigkeiten heraus zu kommen. Wenn Sie uns sagen, was wir tun können, um die Behandlung zu unterstützen, werden wir keine Mühen scheuen, das auch zu tun. Das kann ich Ihnen auch im Namen meines Mannes mitteilen. Mit freundlichen Grüßen. Es gab einen zweiten Briefwechsel, nun gereizt. Die Mutter machte Barbara keine Vorwürfe, fragte auch nicht, was sie dem Therapeuten erzählt habe. Barbara hatte ohnehin immer ziemlich detailliert darüber berichtet, was in den Therapiestunden besprochen worden war. Die offene Parteinahme des Psychologen für Barbara und gegen die Mutter hatte sie freilich verharmlost. Innerhalb kurzer Zeit war die Konstellation nun so, dass sich Barbara und der Psychologe darin einig waren, wie unmöglich die Mutter war, und Barbara und die Mutter sich darin einig waren, wie unmöglich der Psychologe war. Das Ganze ging über ein Jahr und endete dann sang- und klanglos damit, dass Barbara eines Tages einfach nicht mehr hinging. Den Brief des Psychologen, in dem er danach fragte, warum sie nicht weiter zur Therapie komme, beantwortete sie nicht.

Barbara wollte die Therapie, sonst wäre sie nicht so lange dabei geblieben. Auch die Mutter wollte sie. Und der Psychologe natürlich auch. Jeder dachte, Therapie sei, dass die Symptome verschwinden, also die Essstörung usw. Was keiner wahrhaben wollte war, dass diese Symptome für Mutter und Tochter notwendig waren, um das eigene Ich stabil zu halten. Die Symptome hätten nur verschwinden können, wenn sich auch die Beziehung zwischen Barbara und der Mutter, und damit auch der übrigen Familie, verändert hätte.

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32. Folge: Ein böses Zeichen ->