1. Buch: Die psychologische Ebene -> 3. Kapitel: Barbaras Versuch, selbständig zu werden -> 28. Folge: Der erste Ausflug

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Der erste Ausflug

Erzählung

Das erste Mal war es an einem Sonntag. Barbara zog sich an, griff nach ihrem Geld, fuhr mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug in die nächste Großstadt und dort in eine Jugendherberge. Sie benachrichtigte niemanden. Es war ein euphorisches Gefühl: endlich frei, endlich ohne ständige Rücksicht auf irgend jemanden, ohne Verpflichtung. Die Passanten auf der Straße schauten sie herausfordernd an. Sie ging entschlossen durch die Straßen, wenn auch ohne Ziel, geschäftig, wenn auch ohne Aufgabe. Natürlich dachte sie daran, dass man sie vermissen würde. Man würde sich Sorgen machen. Aber dieser Gedanke war von einer grimmigen Genugtuung begleitet. Der erste Ausflug in die Freiheit dauerte nicht lange. Noch in der Nacht rief sie kleinlaut die Mutter an, die sie sofort abholte. Barbara wiederholte dieses Ausreißen viele Male. Immer ging es ihr um diesen Kick, ein freier und eigener Mensch zu sein, aus den Fesseln der Beziehungen gelöst. Es waren Stunden, in denen Barbara einen Zustand erreichte, der anderen Menschen selbst-verständlich ist. Sie war erwachsen und frei. Aber Barbara konnte sich diese Freiheit nur stehlen. Die Familie sah in jedem dieser ´Ausflüge´ eine Drohung: Zu Euch komme ich nicht zurück. Beim ersten Mal begriffen die Eltern erst, was passiert war, als Barbara anrief. Später entstand die Befürchtung, dass Barbara weggegangen war, um sich umzubringen. Das war jedoch nicht Barbaras Absicht. Als ihre Krankheit schon weit fortgeschritten war, dachte sie zwar an Selbstmord. Die Gewissheit, den Tod wählen zu können, war Freiheit. Aber das hatte mit den Ausflügen nichts zu tun; denn wenn sie ausriss, hatte sie die Freiheit schon gewählt und auch realisiert. Wozu dann noch sich umbringen?

Die Familie konnte die Lust Barbaras an ihren Ausflügen nicht nachempfinden. Es lohnt sich zu fragen, warum nicht? Warum erzeugte die junge Frau bei ihrer Familie die Phantasie, dass sie wegging, um zu sterben? Nichts veranschaulicht die tragische Be-ziehung zwischen Barbara und ihrer Familie so sehr wie dieser Sachverhalt.

Die anfängliche Euphorie nach dem Ausreißen wich meistens schnell einer tiefen Depression. Barbara lag dort, wo sie sich einquartiert hatte, auf dem Bett, aß und trank kaum etwas und hatte das sichere Gefühl, dass ihre Mutter hinter ihr stand. War es eine Halluzination? War es nur ein Gefühl? Barbara sprach mit dieser Mutter nicht. Sie lag schweigend auf ihrem Bett, dumpf und in sich verschlossen. Die Mutter stand im Raum, schweigend, drohend, böse. Stunde um Stunde verbrachte sie so. Nachts schlief sie unruhig, traumlos. Sie hatte keine Gewissensbisse, kein Gefühl der Schuld. Sie führte auch keinen inneren Monolog mit der Mutter. Sie fragte sich auch nicht, ob sie wieder zurück kehren sollte. Sie lebte dumpf mit gar keinen Gedanken.

Die seelische Verfassung von Barbara war schon so, dass sie gar nicht alleine leben konnte. Sie wurde depressiv.

So lebte Barbara ohne Umgang mit Menschen einige Tage, manchmal sogar Wochen. Dann hatte die Mutter sie gefunden und holte sie zurück nach Hause. Meist fiel kein böses Wort zwischen den beiden.


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