1. Buch: Die psychologische Ebene -> 3. Kapitel: Barbaras Versuch, selbständig zu werden -> 30. Folge: Therapie, erster Versuch

Deutungsebene ausblenden

Therapie, erster Versuch

Erzählung

Die Lebensäußerungen von Barbara wurden mehr und mehr von ihren Speisevorschriften und ihren Ängsten bestimmt. Doch hat sie nicht ganz ohne Widerstand die Waffen gestreckt. Zu einer Zeit, als die Krankheit noch nicht so fortgeschritten war, machte sie den Versuch einer Therapie. Der Entschluss war ganz ihr eigener gewesen. Der Mutter teilte sie ihre Absicht mit und die hatte nichts dagegen. Name und Adresse des Therapeuten suchte sich Barbara aus dem Telefonbuch. Es war ein freundlicher, noch ziemlich junger Psychologe. Er ließ sich das Anliegen und die Lebensgeschichte erzählen. Dann versuchte er mit ihr ein Thema zu bestimmen, an dem sie arbeiten könnten. Barbara schlug ihre Essprobleme und ihre Ängste vor. In endlosen Wiederholungen erzählte sie dann doch von der Mutter. Meine Mutter meint, dass ich studieren soll. Dann hätte mein Herumgammeln auch ein Ende. Meine Mutter hat sich erkundigt, was ich mit meiner Abiturnote studieren kann. Ich will ja zur Uni gehen, aber ich schaffe es nicht. Vielleicht versuche ich es nächste Woche. Ich könnte mich ja einfach in den Hörsaal setzen und schon mal zuhören. Der Psychologe nahm die Sache zunächst einmal so, wie sie ihm vorgetragen wurde, folgte der Plausibilität der Argumente und konfrontierte Barbara mit der Frage: Warum tun Sie das, was Ihre Mutter will? worauf er aber nie eine Antwort bekam. Selbst noch jung, ergriff er innerlich schnell Partei für die junge Frau und versuchte, ihr die Bedenken zu nehmen, sich von der Mutter zu distanzieren. Gehen Sie am Sonntag doch einfach mal aus, verabreden Sie sich mit einer Freundin und bleiben sie länger weg. Sie sind doch erwachsen. Reden Sie mit ihr. Erklären Sie ihr, dass sie als erwachsener Mensch Freiheiten brauchen.

Was ihn hätte stutzig machen sollen, war die Tatsache, dass Barbara nicht von den eigenen, also den inneren Schwierigkeiten, sich von der Mutter zu lösen, sprach, sondern immer wieder erzählte, was die Mutter sagte oder tat. Das verstand er so, dass die Mutter Barbaras schwache Versuche, sich selbständig zu machen, offen oder weniger offen zunichte machte. Das war zwar richtig, aber es half Barbara nicht, weil sie gar nicht wirklich von der Mutter sprach, sondern indirekt von sich selbst. Die Mutter hatte Schwierigkeiten, Barbaras Eigenständigkeit zu akzeptieren, aber Barbara selbst verurteilte sich für ihren Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Ein wirklicher Schritt in Richtung Autonomie wäre vielleicht möglich gewesen, wenn er Barbara hätte verstehen helfen, wie sie sich in der bequemen Abhängigkeit von der Mutter eingerichtet hatte. Sie wollte nur den Widerstand der Mutter sehen, aber nicht ihre eigenen Schwierigkeiten, den Zorn der Mutter zu ertragen. Sie wollte nicht sehen, wie viel Zorn sie ihrerseits auf die Mutter hatte, wenn auch nicht bewusst.

______
<- 29. Folge: Barbara und Robert