1. Buch: Die psychologische Ebene -> 3. Kapitel: Barbaras Versuch, selbständig zu werden -> 26. Folge: Erste Liebe

Deutungsebene ausblenden

Erste Liebe

Erzählung

Mit fünfzehn hatte Barbara einen ersten Verehrer. Es war ein Junge aus ihrer Klasse, ein Jahr älter. Er lud sie zu einem Kinoabend ein. Um 20 Uhr begann der Film und gegen 22 Uhr würde er zu Ende sein. Die Mutter hatte nichts dagegen. Denis, so hieß der junge Mann, verabredete sich mit Barbara vor dem Kino. Denis war ein blonder Junge, über den man nicht viel sagen konnte. Ein Draufgänger war er nicht. Er fand den Film nicht besonders interessant und er war mehr damit beschäftigt, was Barbara von ihm erwartete. Was macht man mit ´seinem Mädchen´ im Kino? Einer seine Freunde hatte damit geprahlt, dass er dem Mädchen an den Busen gegangen war. Soll ich deine Jacke nehmen? fragte er. Nein, antwortete sie Hier, sagte er und hielt er ihr die Popcorntüte hin. Barbara nahm sich Popcorn. Barbara sah gerne Liebesfilme, in denen Menschen sich küssten und liebten. Aber als sie die Hand von Denis auf ihrem Knie spürte, kam ihr nicht die Idee, dass das etwas ähnliches sein sollte wie im Film. Barbara konnte mit dem, was sich in ihr rührte, nichts anfangen. Nach dem Film gingen sie wortlos nach Hause, und kurz vor der Verabschiedung versuchte Denis ihr schließlich - etwas phantasielos - einen Kuss auf den Mund zu geben. Es gelang halbwegs, weil Barbara sich nicht wehrte. Aber sie erwiderte den Kuss auch nicht. Denis wusste nicht, was er davon halten sollte. War es eine Eroberung? Zu Hause fragte Cornelia: Wie war`s? Findest du ihn nett? Ja, antwortete Barbara ebenso ehrlich wie phantasielos. Aber sie konnte nicht sagen, ob sie die körperliche Nähe zu Denis angenehm fand. Wenn sie versuchte, sich das klar zu machen und eine Antwort zu geben, redeten ihr ständig Mutter und Vater dazwischen. Mutter: Unanständig! Vater: Nein, Denis ist cool! Mutter: Frauen sind kostbare Geschöpfe. Sie müssen beschützt werden. Vater: Haha, dass ich nicht lache! Frauen genießen auch. Mutter: Grobian! Vater: Scheiße! Es waren noch keine wirklichen Stimmen, es waren mehr unabweisbare Gedanken. Diese Gedanken-Stimmen redeten für sie. So kam sie nicht dazu, sich eine Meinung zu bilden, ja nicht einmal, sich eines eigenen Gefühls bewusst zu werden.

Barbara hat nicht nur eine altersgerechte Scheu vor der Sexualität, ihr Problem damit geht noch weiter. Die Sexualität verlangt innere Unabhängigkeit, also Abgrenzung von den Eltern. Aber wenn Barbara sich innerlich unabhängig machen will, wird ihr Selbst instabil. Sie kann die Sexualität nicht mit ihren seelischen Strukturen in Einklang bringen. Das äußert sich hier noch darin, dass dazu sehr widersprüchliche Gedanken auftauchen, die sie nicht zusammen bringen kann. Ist die intime Freundschaft mit einem Jungen gut oder ist sie nicht gut? Barbara schreibt diesen Widerspruch allerdings den Eltern zu, so kann sie ihn besser ertragen. Es erscheint ihr nun so, dass nicht sie gespalten ist, sondern die Eltern können sich nicht einigen. Später, als sie psychotisch wird, nimmt das dramatische Formen an.

Barbara ging am nächsten Tag in die Schule, als sei nichts geschehen. Die unsichere Haltung von Denis, der ihre Nähe suchte und von ihr Zeichen der Intimität erwartete, verstand sie nicht. Nach einer Woche sah sie Denis, eng umschlungen mit einer anderen. Dieses Bild, wie das Mädchen die Arme um Denis schlang, löste etwas in ihr aus. Eigentlich hätte sie weinen oder schreien müssen. Aber bevor diese Gefühle von Neid und Eifersucht sie hätten quälen können, waren sie schon verdrängt. Ihr Mund wurde noch etwas schmaler als sonst, und sie begann wenig später mit ihren Diätplänen. Mit einem Jungen ging sie viele Jahre nicht mehr aus.

Es lohnt sich die Sache genauer zu betrachten. Barbara hat ein altersgerechtes Interesse an Jungen. Sie lässt sich gerne einladen. Aber als Denis Annährungsversuche macht, bekommt sie Angst. Den Grund dazu habe ich eben erläutert. Sie verdrängt das Interesse und tut so, als wüsste sie nicht, worum es geht. Das Problem ist aber, dass damit das Interesse nicht beseitigt ist, es bleibt unbewusst. Als Barbara nun sieht, dass Denis mit einer anderen macht, wozu sie nicht in der Lage ist, entstehen Enttäuschung und Aggression. Da aber alles unbewusst abläuft, kann sich die Enttäuschung und Aggression nicht direkt bemerkbar machen, sie brauchen ein Ventil. Dieses Ventil fand sie in den Diätplänen. Barbara wählt damit eine Lösung, die eine Rückkehr zu kindlichen Verhaltensweisen darstellt. Anstatt sich mit der Sexualität zu beschäftigen, wählt Barbara das Essen. Das ist wie die Sexualität ein Triebbedürfnis. Damit kehrt sie auch zu dem Konflikt zurück, aus dem alles entstanden ist, nämlich die Beziehungsprobleme mit der Mutter. Möglicherweise entstand zunächst ein unstillbares Verlangen zu essen, das heißt, sich bei der Mutter die Triebbefriedigung zu holen (Essen ist immer mit der Mutter verbunden), die sie bei Denis nicht bekommen konnte. Weil aber die Aggression gegen die Mutter zu stark war, führte das zur Verweigerung des Essens, also zu einer Anorexie. Die Diätpläne und die Anorexie sind also Versuche, die Triebhaftigkeit, d. h. hier die Sexualität und die Lust am Essen, aber auch die Enttäuschung und Wut wegen Denis´ Verhalten, irgendwie zu bewältigen.

______
27. Folge: Einsam ->