1. Buch: Die psychologische Ebene -> 3. Kapitel: Barbaras Versuch, selbständig zu werden -> 27. Folge: Einsam

Deutungsebene ausblenden

Einsam

Erzählung

Sie hatte sich in den Garten gesetzt, zusammengekauert, noch leicht verschlafen. Die Sonne schien und es war warm. Sie hatte nicht gefrühstückt, nippte an einem Glas Wasser. Barbara hatte das Gefühl, dass sie weg musste. Irgendwohin. Es war mehr ein dumpfes Gefühl als ein Gedanke. Frei sein. Andererseits hatte sie auch Angst davor. Sie hätte nicht gewusste, wohin sie gehen sollte, was sie dann tun sollte, womit sie sich beschäftigen sollte, ganz allein. So saß sie in der Sonne und ließ es auf sich beruhen. Hinter dem großen Terrassenfenster sah sie ihren Vater. Er stand dort und lächelte ihr zu. Sie lächelte zurück. Der Vater war im Morgenmantel, noch unrasiert. Es war Sonntag. Wie ermuntert durch das Lächeln seiner Tochter, öffnete er die Terrassentür, trat hinaus und ging die paar Schritte auf Barbara zu. Der Vater sah mehr ihre Gestalt als ihre Reaktion. Barbara hatte große, tiefliegende Augen. Ihr Mund war schmal, wohl zu schmal. Wie sie da so in sich versunken saß, schien sie mit ihrer Blässe und den langen Haaren wie durchsichtig. Der Vater schaute auf sie herab. Sein Gesicht drückte Zufriedenheit aus, ein bisschen bewunderndes Erstaunen über das Wesen, das ihm mit einem Ausdruck des Erkennens so nahe kam. Er empfand einen vagen Triumph. Seine Frau war nicht anwesend, niemand störte diesen Anflug von Nähe zwischen seiner Tochter und ihm. Es ist schön in der Sonne, sagte Barbara. Er schaute sie an, lächelte. Sie kann doch ganz normal sein, wenn sie mit mir redet. Das sollte ihre Mutter zur Kenntnis nehmen. Als sie ihn so ansah, hätte sie ihm gerne etwas von ihren Gedanken erzählt, dass es sie wegzog, dass sie zu Hause so unglücklich war. Aber dann, in seinen Schritten, in seinem Gesicht war so wenig Neugier auf sie. Es war ein verhaltenes Lächeln auf seinem Gesicht gewesen, aber doch nur, weil er mit sich zufrieden war. Barbara spürte das alles, dass das Lächeln gar nicht ihr galt, und so war die flüchtige Absicht, ihre Gedanken auszusprechen, schon wieder erstorben. Sie sank in sich zusammen. Der Vater bemerkte die Veränderung und war enttäuscht. Man kann draußen sitzen, sagte er. Aber Barbara gab keine Antwort. So drehte sich der Vater um, holte sich einen Stuhl und die Wochenendausgabe der Zeitung und las. Es war fast eine Stunde vergangen, als die Mutter zum Frühstück rief.

Wenn Barbara sich von der Mutter weg und dem Vater zuwendet, dann lernt sie, ohne die Bindung an die Mutter auszukommen (auch die Mutter übt die Trennung). Das funktioniert aber nur dann, wenn der Vater die innere Bindung seiner Tochter an die Mutter (und die Mutter das Interesse des Kindes am Vater) respektiert. Bei den Reins hat das im Hinblick auf Barbara nicht funktioniert. Der Vater ist nicht wirklich an Barbara interessiert. Er will ein guter Vater sein, aber nicht, damit es der Tochter gut geht, sondern damit er sich selbst gut fühlen kann. Er ist sich aber dessen nicht bewusst.

______
<- 26. Folge: Erste Liebe
28. Folge: Der erste Ausflug ->