1. Buch: Die psychologische Ebene -> 4. Kapitel: Barbara wird psychotisch -> 34. Folge: Wahngedanken

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Wahngedanken

Erzählung

Draußen war alles so laut, die Autos, die Menschen. Sie hielt sich die Ohren zu. Die Ampel sprang auf rot. Sie konnte nicht weiter. Zurück? Aber wohin? Bei rot über die Ampel? Hinter ihr, um sich herum drängten die Menschen, kreisten sie ein. Vor ihr fuhren die Autos, ganz dicht am Bürgersteig. Gleich würden die Menschen sie auf die Straße drängen. Einer wird das Zeichen geben.

Barbara verlegt die Angst, die sie wegen ihres Zustandes hat, nach außen.

Sie rannte los. Quietschen, Geschrei, wildes Hupen. Egal, sie rannte um ihr Leben. Sie würde sich nicht fangen lassen. Nein, sie gab nicht auf! Ein Gefühl des Triumphes überkam sie. Das war knapp gewesen. Fast hätten sie sie gekriegt. Aber sie war eben gewitzt. Die hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

Dass sie sich selbst fast vor die Autos geworfen hätte, dass sie das Hupen und Bremsen verursacht hat, weil sie ohne hinzuschauen über die Straße rannte, das sieht Barbara nicht. Sie ist sich sicher, die wollten sie mit den Autos umbringen.

Sie wurde ruhiger. Barbara ging langsamer, betrachtete die Gegend um sich herum. Sie war im Zentrum der Stadt, zwischen hohen Häuserzeilen. Eine Straße ohne Geschäfte. In der Nähe war ein kleiner Park. Dorthin würde sie gehen. Es hatte angefangen zu regnen. Die Ferne der Menschen tat Barbara gut. Nur eine ältere Frau sah sie, die ihren Hund ausführte. Aber hier im Park war das Wetter sehr ungemütlich, es blies ein kalter, nasser Wind, der den Bäumen zusetzte. Die Bäume bogen sich, stritten mit den Wolkenfetzen, die über den Himmel flogen. Es waren Giganten, die in den Himmel griffen, alles weg fegten, graue, weiße, schwarze Monstren. Das Geschrei des Windes tat ihr in den Ohren weh. Barbara war mitten in dieser Schlacht. Sie wuchs selbst zu einem Riesen. Sie war der Heerführer, siegreich. Sie triumphierte.

Auch das sind Projektionen ihres inneren Streites. Hoffnung, dass sie die innere Krise überwinden wird, wechselt mit Verzweiflung.

Sie fühlte den Regen auf ihrer Haut. Jeden Tropfen fühlte sie. Allmählich wurden die Tropfen, die sie trafen, stärker und trafen sie mit zunehmender Kraft. Es war ein Hagel von Geschossen. Den Wind empfand sie wie eine Mauer, die sich ihr entgegenstellte, den Himmel wie eine finstere Masse, die gleich auf sie herabfallen würde. Wohin? Was könnte sie schützen? Barbara wollte schreien, hob die Arme.


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