1. Buch: Die psychologische Ebene -> 4. Kapitel: Barbara wird psychotisch -> 37. Folge: Stimmen

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Stimmen

Erzählung

So vergingen die nächsten Jahre. Barbara war inzwischen Anfang dreißig. Der Vater arbeitete noch bei der Firma, die Mutter versorgte das Haus, ihren Mann und Barbara. Cornelia war schon ausgezogen, hatte ihr Studium beendet und stand kurz vor ihrer Heirat. Sie hatte einen netten Freund. Die Hochzeit war ein Ereignis, dem alle mit Freude entgegen sahen. Aber Barbaras Gesundheitszustand verschlechterte sich, und die Sache lief nach einem immer gleichen Schema ab. Barbara wurde unruhiger und schlief schlecht. Offensichtlich war sie wieder viel mit ihren Stimmen beschäftigt. Die Medikamente wurden von dem behandelnden Psychiater erhöht, aber keiner war sicher, ob Barbara sie auch wirklich nahm. Schließlich eskalierte die Situation. Barbara rannte weg, kam mitten in der Nacht wieder, redete wirres Zeug und war aggressiv. Als die Mutter sich daran machte, ihr völlig verdrecktes Zimmer zu putzen, versuchte Barbara sie mit Gewalt daran zu hindern. Sie musste wieder in die Klinik. Bei der Hochzeit wurde sie von der Klinik für einige Stunden beurlaubt.

Es war die alte Eifersucht auf die Schwester. Aber das sah keiner so. Barbara war krank, und das genügte als Erklärung.

Später bezog sie eine eigene kleine Wohnung. Aber auch das bedeutete nicht viel. Sie lebte wie früher in enger Anbindung an die Familie. Die Mutter kam anfangs fast täglich, später seltener, aber niemals weniger als ein Mal die Woche, um nach dem Rechten zu schauen. Im Leben der Familie war Barbara ein ruhender Pol. Um sie herum nahmen die Dinge ihren Lauf. Cornelia hatte geheiratet, bekam zwei Kinder und ließ sich wieder scheiden. Der Vater übernahm in der Firma eine andere Aufgabe. Er war kurzfristig sehr krank. Die politischen Verhältnisse der Stadt und der Welt veränderten sich. Die Menschen beschäftigten sich mit der Frage, welchen Lauf die Ereignisse nehmen würden, und versuchten, aus der Vergangenheit Anhaltspunkte für die Zukunft zu gewinnen, Barbara nicht. Sie war mit ihren inneren Prozessen beschäftigt, mit Gefühlen der Bedrohung oder auch Beruhigung, mit Stimmen, die ihr sagten, wie man denken konnte. Es waren männliche und weibliche Stimmen. Manche waren wie alte Bekannte, manche waren unbekannt. Manchmal hörte sie die Stimmen streiten: So ein Ignorant! Hat keine Ahnung, interessiert sich für nichts, aber will mal wieder eine Rede halten. Kartoffel muss man dünsten, und zwar so, dass sie nicht zerfallen. Scher dich zum Teufel! Lass uns in Ruhe! Wir wollen friedlich unser Kartoffelgemüse essen. Es gab Stimmen, die Barbara gut zuredeten: Sei nicht traurig kleine Feine. Bist doch eine Liebe. Wir haben dich lieb. Aber öfter musste sie üble Beschimpfungen hinnehmen: Dreckige Sau! Nichts kannst du auf die zwei Beine stellen. Eine Null, eine Supernull bist du. Nichts als Menschenarbeit hat man mit dir. Schäm dich! Oder auch: Lass ihn dir von hinten reinschieben, hier, sofort. Hosen runter, halt das Loch offen in Fahrtrichtung, dalli, dalli. Hosen runter! Arsch vor! Zwei drei. Zwei drei.

So unsinnig diese Halluzinationen auch erscheinen, es sind sinnvolle Mittelungen. Hier sind es Erinnerungen an den Streit der Eltern, an deren wechselseitiger Herabsetzung. Aber es sind auch verborgene Sichtweisen, wie sie Barbara hatte. Die obszönen Reden sind Phantasien Barbaras, wofür sie sich verurteilt. Darum die vulgäre Sprache.

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