1. Buch: Die psychologische Ebene -> 4. Kapitel: Barbara wird psychotisch -> 36. Folge: schizophren

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schizophren

Erzählung

Als Barbara nach einigen Stunden aufwachte, hörte sie zum ersten Mal die Stimmen. Genau genommen war es erst eine Stimme, die sie auf ziemlich üble Weise beschimpfte. ´Schlampe, Hure, alte Schnecke´ hörte sie sagen. Barbara fragte sich nicht, wer da sprach. Sie suchte nicht nach einer Person, von der die Stimme ausging. Sie wusste, dass sie es nicht selbst war, die da sprach, aber es war auch kein anderer. Sie konnte diese Stimme am Klang identifizieren. Und sie konnte die Worte genau verstehen, wenn die Stimme deutlich sprach; später sprach die Stimme schon mal absichtlich undeutlich, und dann konnte Barbara natürlich nicht verstehen, was sie sagte.

Die Stimmen drücken Gedanken aus, mit denen sich Barbara nicht identifizieren, die sie aber gleichwohl nicht abweisen kann.

Barbara kam noch am selben Tag in die Klinik. Sie wusste, was die Psychiatrie bedeutete, und sie kannte auch den Zustand, in den sie nun geraten war. So sträubte sie sich nicht. Sie bekam Medikamente, unter denen die Stimmen zunächst einmal verschwanden. Die Ärzte sagten den Eltern, dass Barbara an einer schizophrenen Psychose leide. Eine psychische Krankheit habe man ja früher schon angenommen, aber nun sei es bewiesen, obwohl es nicht die Regel sei, erst Borderline, dann Schizophrenie. Die Schizophrenie sei durch Erbfaktoren bedingt, jedenfalls nehmen das die meisten Ärzte an.

Was aber keineswegs bewiesen ist.

Diese Entwicklung, so tragisch einerseits, war doch auch eine Entlastung für die Familie. Es war nun widerlegt, dass die Symptome Barbaras Blessuren waren, die sie auf dem Schlachtfeld der familiären Auseinandersetzungen erlitten hatte. Barbara hatte richtige Symptome, von denen man wusste, dass sie Ausdruck einer Krankheit waren. An eine gute Entwicklung von Barbara hatte im übrigen keiner mehr geglaubt, Barbara selbst am wenigsten. Jetzt hörte sie Stimmen, sie war apathisch wegen der Medikamente, sie vermied konsequent jeden sozialen Kontakt. Aber dafür gab es kein Weglaufen mehr, kaum noch Essensregeln, keine Selbstmorddrohungen, keine Selbstverletzungen. Man brauchte nicht mehr darüber nachzudenken, was sie mit ihren Symptomen gemeint haben könnte. Man brauchte keine Schuldgefühle mehr zu haben, durch eigene Fehler die Merkwürdigkeiten von Barbara verursacht zu haben. Es war auch klar, dass Barbara lange Zeit in der Klinik bleiben würde. Barbara wurde schließlich entlassen und nahm seitdem Medikamente. Die Psychose, bzw. die Folgen verließen sie nicht mehr. Ihr Leben verlief nun in großer Eintönigkeit. Nur gelegentlich gab es neue Aufregung, wenn die Psychose Barbara dazu trieb, Dinge zu tun, die wirklich nicht tolerabel waren. Aber die Aufregung wurde mit der Zeit geringer. Schließlich ging Barbara öfter allein, man wusste oft nicht einmal genau warum, in die Klinik. Das psychiatrische Krankenhaus war für Barbara ein Ort, an den sie sich wenden konnte, wenn sie es mit sich nicht mehr aushielt.


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