1. Buch: Die psychologische Ebene -> 4. Kapitel: Barbara wird psychotisch -> 35. Folge: psychotisch

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psychotisch

Erzählung

Was ist denn los, junge Frau? hörte sie eine Stimme. Die alte Frau mit dem Hund stand neben ihr und lächelte aufmunternd. Ungemütliches Wetter, aber manchmal, na ja, da will man trotzdem nicht nach Hause. Die Alte sprach leise und besänftigend. Kommen Sie, wir gehen hier ein bisschen lang. Komm Lotti, komm hierher! lockte sie ihren kleinen struppigen Hund. Er ist total verdreckt. Ich muss ihn ordentlich abrubbeln, bevor er zurück in die Wohnung kann. Sie gingen gemeinsam ein Stück. Die Alte schlurfte mehr als dass sie ging. Ist es denn so schlimm? fragte sie nach einer Weile und als Barbara immer noch ohne Antwort blieb: Ich habe eine Enkelin, die ist vielleicht so alt wie Sie. Die hat eine ganze Zeit bei mir gewohnt, weil sie sich mit ihrer Mutter nicht so gut verstand. Jetzt ist sie zu ihrem Freund gezogen. Aber sie lässt sich nichts von ihm sagen. Komm hierher Lotti! Lass das! Barbara hörte zu. Es war eine beruhigende Stimme, die da auf sie einsprach. Die Alte schien bewegt. Es war ganz unaufdringlich, wie sie sprach, und es lenkte ab. Barbara war dankbar, dass sie weiter keine Fragen stellte. Sie gingen die kurzen kreisförmigen Wege entlang. Barbara wagte, der Alten ins Gesicht zu schauen. So alt war sie noch gar nicht. Die Frau lächelte. Aber, durchfuhr es Barbara, dieser Blick, dieses Lächeln! Das war die Falschheit der Schlange. Das war viel gefährlicher als der offene Angriff. Man wollte sie wohl für dumm verkaufen! Sie sollte es nicht merken. Wie konnte sie nur dieser Stimme auf den Leim gehen? Fast hätte man sie überlistet. Barbara fühlte Angst und Wut.

Barbara ist paranoid. Aber es entspricht auch den frühesten Erfahrungen Barbaras, dass nämlich das, was ihr als Freundlichkeit entgegen gebracht wurde, von Barbara oft nicht positiv aufgenommen werden konnte.

Nein! schrie sie und rannte. Weg! Weg! Es war eine Falle, in der die alte Hexe lauerte. Wieder rannte sie ziellos durch die Stadt, dachte manchmal, dass sie jeder hier kannte, dann wieder, dass sie niemals zuvor an diesem Ort gewesen war, triumphierte und verzweifelte fast zur selben Zeit. Mehr als neun Stunden irrte sie durch die Straßen. Sie hatte nichts gegessen und nichts getrunken. Es war schließlich die körperliche Erschöpfung, die sie nach Hause trieb. Niemand war zu Hause. Völlig durchnässt vom Regen warf sie sich auf ihr Bett. Sie weinte. Erst langsam, dann löste sich alles. Spannung und Schmerzen verschwanden. Der ganze Körper war nur noch eine Quelle von Tränen. Barbara überließ sich dem Fluss der Tränen. Ein Sturzbach wurde daraus, alles floss dahin. Ein Strom schließlich, ruhig, breit und unaufhaltsam. Barbara weinte und schluchzte alles aus sich heraus, die vielen Jahre, die mit Schmerzen angefüllt waren und das Unsagbare. So erst kehrte Ruhe in sie zurück. Sie spürte nichts als den Fluss der Tränen. Alle Erinnerung und alles Erleben verflüssigte sich und schwamm in dem breiten Strom dahin. Barbara weinte und weinte. Sie weinte so lange bis der Körper keine Flüssigkeit mehr für Tränen hatte. Barbara war ein ausgeleertes Gefäß, als sie endlich erschöpft einschlief.

So war die Psychose auch die Rückkehr zu sich selbst. Das was dem Selbst fremd war, fiel ab. Barbaras Angepasstheit, ihre Aggressionshemmung, der Verzicht auf die Liebe usw., all das hatte sie unter dem Druck der Verhältnisse auf sich genommen. Sie hatte es sich nie klar machen können, und auch jetzt konnte sie es so nicht sehen. Aber für eine kurze Zeit empfand sie Trauer um das, was verloren war, nämlich eine normale Entwicklung, in der sie wie alle anderen hätte empfinden können. Die Trauer war ein Schritt in Richtung normaler Empfindung. Aber es reichte nicht aus.

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