1. Buch: Die psychologische Ebene -> 4. Kapitel: Barbara wird psychotisch -> 38. Folge: Psychopharmaka

Deutungsebene ausblenden

Psychopharmaka

Erzählung

Manchmal war auch tiefe Stille in ihr. Stundenlang, tagelang lag sie dann auf ihrem Bett, tat nichts und dachte nichts und fühlte nichts. Sie hatte weder Hunger noch Durst. Auf die Toilette ging sie erst, wenn der Druck zu groß wurde. Das Waschen und das Zähneputzen, das An- und Ausziehen, war dann schon viel an Veränderung. Diese Apathie war ein Zustand, den Barbara ziemlich verlässlich mit einer hohen Medikamentendosis erreichen konnte. Dann hatte sie das Gefühl, dass alles Leben in ihr, jedes Gefühl von Lust und Trauer, Wut oder Ãœberdruss, Angst oder Zufriedenheit ausradiert wurde. Versuchte sie, etwas Leben zuzulassen und ließ die Medikamente weg oder nahm weniger davon, kamen diese Gefühle zurück und es tauchten die Stimmen oder Wahngedanken wieder auf. Aber auch Stimmen und Wahn waren Leben. Dann war das Leben wieder zu bedrohlich und sie flüchtete sich in die stille Welt der Medikamente, wo alles eingefroren war.

Das ist die Wirkung der Medikamente. Barbara bekam wegen der Diagnose Schizophrenie sogenannte Neuroleptika. Sie dämpfen die Gefühle. Mehr zu den Neuroleptika im Glossar.

Noch eines konnte sie durch die Medikamente regeln. Nach dem Aufbrechen der Psychose wurde sie in der Gegenwart anderer Menschen ständig von dem Gefühl beherrscht, dass sie mit ihnen ununterscheidbar verbunden war. Sie fühlte, dass Gedanken, Probleme, Gefühle in sie eindrangen, als wären es ihre. Das passierte besonders, wenn sie mit vielen Menschen auf engem Raum zusammen war, z. B. im Bus. Ein junger Mann sprach mit einer Frau neben sich: ... gestern ... habe ich gesagt ... man muss ja nicht arbeiten ... immer wieder ... der Chef hat sie ... Sie konnte nicht anders, als angestrengt hinhören, das Gehörte irgendwie ergänzen und denken, dass sie gemeint war. Sie dachte: Der Chef hat über mich gesprochen, bestimmt ganz schlecht. Er weiß von mir. Sie haben mich gestern beobachtet. Ja, gestern war es gewesen. Was sage ich zu meiner Verteidigung? Die warten jetzt auf eine Antwort. Ihr Chef wird sie fragen. So absurd diese Gedanken Barbara auch erschienen, sie konnte sich nicht dagegen wehren.

Es fehlte eine Grenze zwischen ihrem Ich und dem Ich der anderen.

Sie war nur das, was andere in sie hinein taten. Es war ein unerträgliches Gefühl des Ausgeliefertseins, der Nichtigkeit. Darum mied sie es, mit Menschen überhaupt in Kontakt zu kommen. Nahm sie die von den Psychiatern verschriebenen Medikamente, dann fühlte sie all das viel weniger oder gar nicht. Manchmal aber halfen ihr die Medikamente aus unerklärlichen Gründen nicht. Wenn sie dann versuchte, die inneren namenlosen Gestalten, Stimmen, fixen Ideen und die Angst mit den Medikamenten wegzuscheuchen und in die große Friedhofsruhe einzutauchen, kam nicht die Ruhe über sie, sondern eine unerträgliche Unruhe. Sie musste dann rennen, wie von Furien gejagt, und wusste nicht warum und wohin. In diesen Fällen half es nur, wenn sie für eine Zeit den Stimmen und dem Wahn die Herrschaft in ihrer Seele überließ. Aber das war nicht häufig so und wurde mit der Zeit immer seltener. Die Phasen der Unruhe veränderten nichts in ihrem Leben. Barbara war die Konstante, auf die sich alle Veränderung um sie herum bezog. Sie stand, während alle um sie herum weiter gingen. Man konnte sagen, dass sie die Strecke markierte, die die Welt um sie herum in der Zeit zurück legte. Sie wachte am Ausgangspunkt aller Bewegung.


______
<- 37. Folge: Stimmen