1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 22. Folge: Eine Schwester

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Eine Schwester

Erzählung

In den Kindergarten wollte Barbara anfangs nicht gehen. Die Erzieherinnen empfahlen der Mutter, mit dem Kind noch ein Jahr zu warten. Aber Ursula Rein war inzwischen erneut schwanger geworden und innerlich schon sehr mit dem neuen Kind beschäftigt. Die Schwangerschaft war für sie diesmal eine Zeit großer innerlicher Ausgeglichenheit, und der Umgang mit Barbara war leichter.

Niemand bemerkte, dass es gerade das war, was dem Kind schließlich ermöglichte, sich auf die neue Umwelt des Kindergartens einzulassen.

Barbara freute sich mit ihrer Mutter auf das Schwesterchen. Aber als es dann da war, wurde es für sie doppelt schwierig. Die Mama war nicht mehr so gut gelaunt. Sie fing wieder an, sich Sorgen zu machen, und zwar um Barbara, war aber für sie nicht mehr so verfügbar wie früher. Es war ein unentwirrbares Knäuel von Gefühlen, die überdies alle tief im Herzen verschlossen werden mussten. Am meisten war Barbara um die Mutter besorgt, wenn sie merkte, dass die Mutter Angst hatte, und das geschah wieder häufiger. Ursula Rein konsultierte ihren Arzt, weil Barbara einige Wochen nach Cornelias Geburt wieder angefangen hatte, ins Bett zu machen. Barbara schämte sich sehr dafür und versuchte oft, es zu vertuschen. Ihre Kuscheltiere seien es gewesen, sagte sie. Dann vermutete sie, dass es Cornelia gewesen war, die doch immer in die Windeln machte. Der Kinderarzt wiegelte ab. Er kannte die oft unbegründete Besorgtheit der Mutter. Alle Kinder machen Schwierigkeiten. Sprechen sie mit dem Kind, fragen sie es, was es bedrückt, war seine Empfehlung an Frau Rein. Wenn du ins Bett machst, bist du traurig, warum? fragte sie. Aber Barbara hatte nicht gelernt, sich Gedanken über sich zu machen. Du musst immer Essen machen, putzen, für Cornelia Windeln machen, sagte sie zum Beispiel und manchmal bist du traurig. Die Mutter war erstaunt und gerührt über diese Antworten. Sie hatte ein ungewöhnlich reifes Kind, das sich ernsthafte Gedanken über seine Umwelt machen konnte.

Die Mutter bemerkte nicht, dass Barbara über die Mutter nachdachte, und dabei ihr kleines Selbst ins Hintertreffen geriet. Für ihre Entwicklung hätte es Barbara gebraucht, sich als Mittelpunkt ihrer kleinen Welt sehen zu dürfen.

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