1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 13. Folge: Schwangerschaft

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Schwangerschaft

Erzählung
Im ersten Kapitel haben wir Barbara und ihre Symptome kennen gelernt und auch etwas über die Beziehung zu ihrer Mutter erfahren. Um das alles besser zu verstehen, müssen wir uns mit der Kindheit von Barbara vertraut machen.

Barbaras Mutter, Ursula Rein, wurde sehr bald nach der Hochzeit schwanger. Sie freute sich. Sie hatte geheiratet, weil sie Familie und Kinder wollte. Auch ihr Mann freute sich. In der ersten Zeit der Schwangerschaft war Ursula Rein morgens häufig übel. Das ist normal, sagte ihr Arzt. Aber es trübte ihre Vorfreude auf das Kind. Sie hatte auch Angst, das Kind könne missgebildet sein. Ihr Arzt versuchte, sie zu beruhigen: Wir können eine Fruchtwasseruntersuchung machen. Das Risiko für das Kind ist zwar nicht gleich Null, aber sehr gering, meinte er schließlich. Das Ergebnis der Untersuchung war in Ordnung. Ich habe alles getan, was ich tun konnte, sagte Ursula Rein zu ihrem Mann. Ursula Rein war es gewöhnt, sich freundlich und gut gelaunt zu geben. Darum bemerkte niemand ihre Ängste, außer wenn sie zu ihrem Arzt oder Mann davon sprach.

Die Ängste von Ursula Rein sind, was die Intensität betrifft, ungewöhnlich. Die Bemerkung ´Ich habe alles getan...´ verrät den Grund. Sie hat Schuldgefühle. Und warum? Die Antwort ist, dass sie Aggressionen gegen das Kind hat. Ihre Angst, das Kind könne missgebildet sein, entspringt einem Wunsch, das Kind zu attackieren. Vermutlich kommt diese aggressive Regung daher, dass Ursula Rein fürchtet, dass das Kind in ihrem Bauch sie attackiere. Sie bemerkt die Veränderung ihres Körpers, wird von der Ãœbelkeit geplagt und ahnt, wie sehr das Kind ihr Leben verändern wird. All das erlebt sie wie einen Angriff, worauf sie ihrerseits mit Aggression reagiert. Ihre Aggressionen machen ihr Schuldgefühle, und da das alles völlig unbewusst abläuft, bemerkt sie nur die Angst. Das alles ist unabhängig davon, dass sie ihr Kind auch sehr liebt und sich darauf freut.

Doch im zweiten Drittel der Schwangerschaft fühlte sie sich so wohl wie selten in ihrem Leben. Sie hatte zwar wenig von ihrem Mann, der, noch am Anfang seiner beruflichen Karriere, viel arbeitete. Aber sie kam mit dem Alleinsein gut zurecht. Sie fühlte mit Zufriedenheit, dass ein neuer Mensch in ihr heranwuchs. Dieses gute Gefühl verließ sie bis zur Geburt des Kindes nicht, obwohl ihr in den letzten Monaten der dicke Bauch und ihre Unbeweglichkeit zu schaffen machten. Zu der Zeit setzte sie ihr Studium aus, das sie auch später nicht wieder aufnahm.

Die Ängste und was damit zusammenhängt, sind vorerst ganz in den Hintergrund getreten.

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