1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 18. Folge: Die Mutter

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Die Mutter

Erzählung

Und Barbara? Aus dem Nebel der ersten Wahrnehmungen konturierten sich allmählich Gestalten. Die längst bekannte Stimme der Mutter verband sich mit einem Gesicht und mit einer Ordnung der Dinge. Es gab Sattheit und Ruhe, es gab Farben, Laute und Bewegungen. Die Haut wurde von den lustvollen Bewegungen geschmeichelt. Licht und Farben liefen an ihr vorbei. Der Herzschlag der Mutter, ihre Wärme, die lockende Stimme - es war ein ständiges Fest der Sinne. Manchmal wollte sich tief im Zentrum des Inneren ein schmerzendes Gefühl melden, Hunger würde es später heißen. Aber bevor sie dieses Nagen wirklich spüren konnte, gab es Entspannung, die Befriedigung. Nur wenn der Körper sich entleerte, war sie ganz mit sich allein. All diese Eindrücke wechselten in einer Folge, die sich sehr bald als eine Ordnung zu erkennen gab. Sie waren alle mit dem gleichen Geruch eines Menschen, der gleichen Stimme und dem gleichen Gesicht verbunden. Es war ein Gott, der dem Kind diese nie endende Reihe aufregender und lustvoller Ereignisse bescherte. Es gab auch Schmerzen, die alles im Inneren in Unordnung brachten. Da half nur Schreien. Aber diese Einbrüche in die Alltäglichkeit des wunderbaren Lebens waren selten. Sie hatten auch keine Verbindung mit der Zufriedenheit, die das Normale war. Es waren böse Dinge, die aus dem Erleben schnell verdrängt wurden. Es waren gefährliche Momente; denn das Schreien verwandelte die Mutter. Die Mutter war verzweifelt, flehte ihr Kind an, nicht zu schreien. Dann war die Mutter auch keine gute Mutter mehr; sie war nun böse, ein böser Gott, der ihr Schmerzen zufügte. Manchmal waren es keine Schmerzen, kein Hunger, dann war das Schreien eine heimliche Lust, um die gute Mutter zu vernichten. Aber dann kam die andere, die böse Mutter, die das Kind mit Kummer und Schmerzen bedrängte und bedrohte.

So muss man vermuten, sieht es der Säugling.

So geschah die Welt für Barbara. Das eine reihte sich, von ihrem Gott erzeugt, an das andere, der Einbruch des Bösen war selten. Fast immer war Lust und es gab keine Störung der Dinge, ehe die Knospe eines Gedankens auftauchte, war er realisiert: Schlaf oder Spiel, Nahrung oder Zärtlichkeit. So viel Glück macht wehrlos.


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