1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 23. Folge: Kindergarten

Deutungsebene ausblenden

Kindergarten

Erzählung

Nachdem sie sich einmal an den Kindergarten gewöhnt hatte, ging Barbara gerne dorthin. Mit den Kindern konnte sie ganz anders spielen als mit der Mama, mit ihnen konnte man auch zanken. Das war mindestens ebenso aufregend. Man konnte eine die beste Freundin nennen und dann konnte man sie weg schubsen und zu einer anderen gehen. Aber es machte auch Angst. Oft gab es bei solchen Gelegenheiten ganz plötzlich einen Knacks und Barbara musste weinen. Was ist denn los? Erzähl mal, sagte die Erzieherin und nahm die Kleine in den Arm. Die Franzi ..., schluchzte Barbara. Luise, die Erzieherin, sprach beruhigend auf Barbara ein, wollte aber gar nicht genau wissen, was die Franzi gemacht hatte und dass es den Knacks gegeben hatte. Meine Mama hat gesagt, dass die Cornelia ganz schlimm krank ist und sie hat geweint, flüsterte Barbara, kaum zu verstehen. Die Erzieherin guckte ernst: Ist das wieder eine von deinen Geschichten? Das Kind weinte und gab keine Antwort. Stimmt das oder ist das erfunden? Barbara wurde still. Plötzlich stockten die Tränen. Sie drehte sich um und flüsterte: Ich soll es nicht sagen. Doch die Erzieherin war nun besorgt. Ich werde deine Mutter fragen. Nein, bitte nicht. Sie weint dann wieder, sagte Barbara. Barbara guckte die Erzieherin mit traurigen Augen an. Ursula Rein schlug die Hände über dem Kopf zusammen und weinte wirklich, als Luise Schmitt ihr die Geschichte erzählte. Dann wurde sie ernst und abweisend. Die Erzieherin war erschrocken. Stimmte es doch? Zu Hause sprach die Mutter mit Barbara. Du darfst solche Geschichten nicht erzählen. Cornelia ist nicht krank. Und ich habe auch nicht geweint, sagte die Mutter. Doch, du hast geweint, sagte Barbara. Barbara sah die Mutter an, weinte fast wieder. Vielleicht stimmt das doch mit der Cornelia. Es wäre jedenfalls eine gute Erklärung dafür. Und es wäre überhaupt eine gute Erklärung für alles, wenn die Cornelia krank wäre. Und wenn die Cornelia doch krank ist, trumpfte sie auf. Und du weißt es nur noch nicht. Die Mutter war erschrocken und unsicher. Sie nahm Barbara in den Arm. Barbara beschloss, wieder zu weinen. Sie schluchzte und sank in sich zusammen.

Barbara hat Probleme mit der Schwester und denkt sie sich darum krank. Das ist ein ernstes Symptom, wenn es andauert, weil Barbara keine andere Form der Konfliktlösung für ihre Eifersucht wusste, als die Schwester sterben zu lassen. Eine konstruktive Form wäre, sich mit der Schwester zu streiten, die Eltern durch Charme für sich einzunehmen, als die Ältere mehr Verantwortung zu übernehmen usw. Diese anderen Formen sind sozial verträglicher. Die Lösung Barbaras ist destruktiv und nur auf Kosten ihrer Realitätswahrnehmung möglich. Später, in der Psychose, wird sie es wieder so machen.

Als die Kinder im Bett waren, erzählte Ursula Rein die Geschichten ihrem Mann. Er kannte ähnliche Geschichten Barbaras, dass er einen schweren Verkehrsunfall gehabt und ein Bein verloren habe, die Großmutter blind sei, die Schwester adoptiert usw. Ist doch nicht so schlimm. Barbara denkt sich eben so was aus. Du nimmst die Sache gar nicht ernst, war die Antwort seiner Frau.

Barbara war eng an die Mutter gebunden. Den Vorteil, dass sie dafür ganz über die Mutter verfügen konnte, hatte sie mit der Geburt Cornelias zunächst eingebüsst. Geschichten von Cornelias Krankheit und Tod waren so eine phantasierte Lösung dieses Dilemmas. Zugleich konnte Barbara damit ihren (unbewussten) Hass auf die Mutter von dieser weg auf Cornelia lenken. Sie hat mit diesen Geschichten auch indirekt auf sich selbst und ihre Krankheit aufmerksam gemacht, wenn man nur annimmt, dass sie auch mit Cornelia identifiziert war. Ein Positives aber hatten die Geschichten von der Krankheit Cornelias. Sie waren auch Ausdruck von Kreativität.

______
<- 22. Folge: Eine Schwester
24. Folge: Hyperventilation ->