1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 24. Folge: Hyperventilation

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Hyperventilation

Erzählung

In der Schule hörten die Erfindungen Barbaras auf. Sie ging einigermaßen gern in die Schule und lernte auch gut. In der Anfangszeit nervte sie allerdings die Lehrerin mit der ständigen Bitte, auf die Toilette gehen zu dürfen. Die Mutter wurde deswegen öfter in die Schule zitiert, aber auch sie war machtlos. Wenn sie mit ihrem Mann darüber sprach, schwieg er meist. Nun sag doch mal was dazu! Du nickst, als wärest du damit einverstanden. Wir müssen etwas dagegen tun, regte sie sich dann auf. Untersuchungen beim Urologen, die peinlich und schmerzhaft für Barbara waren, brachten nichts.

Ein anderes Symptom, mit dem Barbara vieles zugleich ausdrücken konnte: Sie konnte die Lehrerin ärgern, darauf hinweisen, dass sie in gewisser Weise noch sehr klein war und dass sie ein Problem hatte.

Als nach zwei Jahren eine neue Lehrerin die Klasse übernahm, hörten die ständigen Toilettengänge, die Barbara schon zum Gespött der Mitschüler gemacht hatten, schlagartig auf.

Vielleicht, weil sie diese Lehrerin mochte.

Barbara war sehr ordentlich. Auf ihren kleinen Schreibtisch musste ständig die von ihr gewählte Ordnung herrschen, wenn es anders war, bekam sie Panikanfälle. Sie hatte einige Stofftiere, die immer den gleichen Platz in ihrem Bett bekamen. Manchmal schlug sie ihre Kuscheltiere: Du bist böse, ganz böse. Du hast nicht ordentlich gegessen. Darum kriegst du Haue. Aber davon wusste niemand etwas. Aus dieser Zeit stammte auch die Freundschaft zu Lucie, die in die gleiche Schulklasse ging wie Barbara. Lucie war ein sanftes, von Natur aus fröhliches Mädchen, und Barbara war voller Bewunderung für ihre Freundin. Als Barbara, fast 14-jährig, das erste Mal die Regelblutung hatte, klärte sie die Mutter auf. Es war bei einem Gang durch die Stadt. Das wirst du jetzt jeden Monat haben. Das Blut entsteht, weil die Schleimhaut in der Gebärmutter abgestoßen wird, wenn die Frau nicht schwanger ist. Wenn du mal ein Kind hast, bleibt die Blutung aus. Daran erkennst du das dann. Barbara sagte nichts. Du kannst ein Kind kriegen, wenn du mit einem Mann zusammen bist. Aber das solltest du nur machen, wenn du den Mann auch wirklich liebst. Die Liebe ist das Schönste in deinem Leben. Körperliche Liebe ist nur schön, wenn auch die seelische Liebe da ist. Wieder machte die Mutter eine Pause. Bei den Männern ist das anders. Viele wollen die körperliche Liebe, ohne die Frau wirklich zu lieben. Pass gut auf! Sie tun so, als seiest du die einzige, und dann merkst du, dass du nur fürs Bett interessant bist. Ja, Mama, ich weiß das doch schon, versuchte Barbara die Mutter ein wenig zu beruhigen. Aber ich muss dich doch auch vor den Gefahren warnen. Sag mir später nicht, ich hätte dich nicht aufgeklärt. Das mit einem Mann ist nicht immer schön. Manchmal tut es einem weh und die Männer wollen es trotzdem. Und wenn du es nicht machst, dann gehen sie zu einer anderen. Mit deinem Vater hatte ich auch das Problem. Aber Mama, das will ich nicht wissen. Dein Vater hat noch ganz andere Dinge von mir verlangt, ereiferte sich die Mutter. Er hat es auch mit dem Mund gewollt. Es war grauenhaft. Barbara blieb stehen. Sie schnappte nach Luft, immer schneller wurde ihr Atem. Schweiß trat ihr auf die Stirn, sie zitterte am ganzen Leib. Voller Angst schaute sie die Mutter an. Kind, was ist los? Barbaras Hände verkrampften sich und sie sank zu Boden. Menschen blieben stehen. Irgendwer benachrichtigte die Polizei. Das Martinshorn eines Krankenwagens war zu hören. Die Mutter kniete völlig außer sich neben der leblosen Barbara, die das Atmen ganz eingestellt hatte. Im Krankenhaus kam Barbara schnell wieder zu sich. ´Hyperventilationstetanie´, nannte es der Arzt. Schicken Sie Ihre Tochter mal zum Psychiater, ergänzte er. Man gab ihr ein Beruhigungsmittel, das sie schläfrig machte. Am Abend erzählte sie ihrem Mann von dem Anfall, den Barbara bekommen hatte. Sie erwähnte auch das Aufklärungsgespräch. Ihren Bericht schloss sie mit der Bemerkung: Ich konnte ihr ja nicht verheimlichen, wie schlecht es um unsere Beziehung steht. Sie hat sich so über dich entsetzt, dass sie diesen Anfall bekommen hat. Und dann ergänzte sie: Ich muss dir leider sagen, dass ich volles Verständnis für sie habe.

Barbara zieht mit ihrem Anfall die Notbremse. Damit kann sie die Mutter zum Schweigen bringen. Man bekommt Wut auf die Mutter, die hier ganz offensichtlich ihre Tochter missbraucht. Wir können aber auch versuchen, die Mutter zu verstehen. Die hat nämlich große Angst, Barbara zu verlieren. Ihre eigenen sexuellen Schwierigkeiten, die ihr ihren Mann fremd machen, unterstellt sie auch Barbara. Unterschwellig will sie ihr sagen: Wir mögen das nicht, wir brauchen eigentlich keinen Mann, wir haben uns.

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<- 23. Folge: Kindergarten