1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 17. Folge: Glück

Deutungsebene ausblenden

Glück

Erzählung

Es war eine glückliche Zeit, meinte Ursula Rein später. Das Kind und seine Bedürfnisse bestimmten den Rhythmus des Tages. Sie legte ihr Kind zur Ruhe, nahm es auf, fütterte es, trug es durch die Räume, schäkerte mit ihm, wickelte es, tröstete es. Sie gab Barbara, was sie brauchte.

Aber wusste sie, was das Kind brauchte? Konnte sie sich dabei auf ihr Gefühl verlassen? Bekam der Säugling Barbara die Sicherheit, dass die Bedürfnisse seines noch so verletzbaren Lebens befriedigt wurden, obwohl er sie doch selbst noch nicht kannte, geschweige denn artikulieren konnte?

Wie üblich, so nach dem 3. Monat, wurde Barbara lebhafter, lachte schon mit einem Glucksen. Oft nahm ihre Mutter sie hoch und spielte mit ihr: heben und fallen lassen, kraulen und sanft schütteln. Die kleine Barbara reagierte mit erkennbarer Lust. Ursula Rein war eine Mutter mit ungewöhnlichem Engagement für ihr Kind. Sie war glücklich und das Kind war es auch.

Aber was die Mutter für ihr Kind tat, tat sie doch nicht ganz nach den Bedürfnissen des Kindes. Sie befriedigte das Kind, bevor es ein Bedürfnis hatte.

Sie wartete nicht auf das Wollen des Kindes.

Es war, als fürchtete sie eben dieses Wollen.

So war der Säugling eigentlich nie frustriert. Bevor Barbara gemerkt hatte, was sie wollte, wusste es die Mutter und Barbara war schon befriedigt. Die Mutter sagte: Ach, was ist meine Kleine hungrig! Nein, Barbara war eben noch nicht hungrig, sie wollte hungrig werden. Aber sie hatte gar keine Chance, hungrig zu werden. Es war das Bedürfnis der Mutter, ein sattes Kind zu sehen. Es war der Wunsch der Mutter ein lachendes Kind zu sehen; denn weinen war eine Anklage. Barbara konnte die Mutter nicht verführen, sie zu füttern oder zu wiegen oder zu hätscheln, wenn sie es wollte; denn sie wurde gefüttert, gewiegt, gehätschelt, bevor sie es wollte. Sie konnte die Mutter nicht besiegen, nicht durch den Charme ihres ersten Lachens, nicht durch ihr unwiderstehliches Wimmern und später auch nicht durch Trotz. Für all das gab es keine Chance. So stand das glückliche Kind auf unmerkliche Weise im Dienst der Mutter. Ursula Rein hatte einen glücklichen Säugling, der doch keine eigenen Lebensrechte einlösen konnte.

Wir sehnen uns nach einer so vollkommenen Kindheit, wie sie Ursula Rein ihrem Kind bereiten wollte. Sie wird nie verstehen, warum eine so glückliche Zeit in so viel Abnormität münden konnte.

______
<- 16. Folge: Beunruhigung
18. Folge: Die Mutter ->