1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 15. Folge: Geburt

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Geburt

Erzählung

Die Wehen setzten an einem Nachmittag in der Woche ein. Die Hebamme riet zum Gang in die Klinik. Lothar Rein war, nachdem ihn seine Frau benachrichtigt hatte, sofort in die Klinik gefahren und er wartete teils geduldig, teils nervös in einem unwirtlichen Flur, wohin ihn die Frau von der Anmeldung geschickt hatte. Weiß gekleidete Menschen gingen geschäftig an ihm vorbei, grüßten flüchtig oder gar nicht. Frauen wurden in Betten durch die Tür geschoben, gingen auch dickbäuchig, von Krankenschwestern gestützt, durch diese Tür, auf der Kreißsaal stand. Er hatte keine Ahnung, wie lange eine Geburt dauern konnte. Er fühlte sich unbehaglich. Es wurde Abend. Niemand kümmerte sich um ihn. Er fühlte sich überflüssig. Schließlich kam ein Mann in Weiß, dessen Funktion unbekannt blieb: Herr Rein? Ja antwortete er erleichtert. Ist es da? Nein, noch nicht. Das wird auch so bald nichts. In dieser Nacht bestimmt nicht. Die Wehen sind schon ziemlich stark und häufig, aber beim ersten Mal dauert es oft länger. Sie können nach Hause gehen. Wir rufen Sie an, wenn es soweit ist. Wir haben doch ihre Nummer? Ursula Rein hielt die schmerzhaften Wehen aus, ohne viel zu klagen. Sie sehnte sich danach, dass ihr jemand die Hand halten und Mut zusprechen würde. Sie telefonierte mit ihrem Mann, aber sein Angebot, wieder in die Klinik zu kommen, lehnte sie ab. (Später nahm sie es ihm übel, dass er sie in ihrer schweren Stunde allein gelassen hatte.)

Die Kommunikation zwischen beiden ist erschwert, weil nicht genug Vertrauen in den anderen da ist. Sie denkt: Er will nicht wirklich; man hört es an der Art, wie er fragt. Sie möchte sich ihm auch nicht gern mit den Schmerzen und diesem körperlichen Ereignis der Geburt präsentieren. Das aber traut sie sich nicht zu sagen. Er denkt: Sie will ja vielleicht nicht, dass ich komme und er hat auch Angst davor, die Geburt miterleben zu müssen, was er ihr nicht gestehen will.

Am nächsten Morgen war Ursula Rein von den Schmerzen entnervt. Sie hatte keine Kraft mehr. Obwohl in guter Lage, war das Kind nicht gekommen. Der Chef der Klinik meinte, ein Kaiserschnitt sei unumgänglich, und Ursula Rein willigte ein. Eine Stunde später war Barbara geboren, der Vater benachrichtigt und mit einem riesigen Strauß Blumen in die Klinik geeilt. Jetzt waren sie erstmals zusammen, Ursula Rein, ihr Mann Lothar und das Kind. Sie sprachen kaum ein Wort miteinander. Sie blickten auf ihr Kind, das ruhig schlief. Es sollte Barbara heißen, es war der Klang des Namens, der der Mutter gefiel. Niemand in der Familie hieß so.

Man könnte das so deuten, dass sie das Kind mit keinem teilen wollte - aber vielleicht ist das eine Überinterpretation.

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