1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 16. Folge: Beunruhigung

Deutungsebene ausblenden

Beunruhigung

Erzählung

Ursula Rein musste fast zwei Wochen in der Klinik bleiben. Depressive Anwandlungen nach der Geburt, wie so manche junge Mutter, hatte Ursula Rein nur andeutungsweise. Mit dem Stillen klappte es einigermaßen. Nach zwei Tagen brachte man mit dem Kind auch das Fläschchen. Der Arzt hielt es für notwendig zuzufüttern. Ursula Rein wurde nicht gefragt, mit ihrem Mann konnte sie sich nicht besprechen. Ihre Mutter meinte: Das beste ist natürlich Muttermilch, keine Frage. Aber ich glaube, dass du nicht genug hast. Ich weiß nicht, wie du mit deiner Figur ein Kind ernähren willst. Also gib ihr nachher oder vielleicht vorher das Fläschchen. Als sie die Klinik verließ, war das Stillen schon kein Thema mehr. Im Laufe der nächsten Wochen stellte sie es allmählich ganz ein. An Barbara bemerkte sie zunächst keine Reaktion. Als dann einige Wochen später Barbara die Milch oft in hohem Bogen wieder ausspuckte, konsultierte sie ihren Arzt. Die meisten Kinder spucken, sagte er, das hat in Ihrem Fall nichts mit dem Fläschchen zu tun. Füttern Sie das Kind mit kleineren und häufigeren Mahlzeiten. Und wenn die Kleine spuckt, versuchen Sie es einfach noch einmal.

Dass Ursula Rein, sich so leicht rein reden ließ, zeigt, wie unsicher sie war. Und das Spucken von Barbara war zu intensiv, um noch als normal gelten zu können. Es war wohl schon Ausdruck dafür, dass etwas in der Beziehung zwischen ihr und der Mutter nicht stimmte.

Die junge Mutter war den ganzen Tag mit ihrem Kind, dem Haushalt und der Versorgung ihres Mannes beschäftigt. Von ihrem Mann erwartete und bekam sie keine Hilfe. Der kam meist spät nach Hause und arbeitete auch zu Hause und am Wochenende und konzentrierte sich auf seine Karriere. Wenn sie jemanden brauchte, bat sie ihre Mutter, aber das war selten; denn ihr war nichts zu viel. Unzählige Male stand sie nachts auf, wenn das Kind schrie, nie verärgert, nie zögernd. Nie kam sie auf den Gedanken, ihren Mann darum zu bitten.

Die Mutter kann sich nicht eingestehen, wie schwer ihr die Pflege manchmal fällt. Sie kann sich von ihrem Kind nicht gut abgrenzen. Abgrenzung erfordert (konstruktive) Aggression. Ursula Rein tut alles, um ihre Aggression gegen das Kind zu widerlegen. Sie hält das Kind emotional vom Vater fern; denn eine Beziehung zum Vater würde mehr Distanz zwischen ihr und dem Kind schaffen.

Abends erzählte sie ihm von Barbara: Heute war ich das erste Mal mit dem Kinderwagen ganz lange draußen. Die Sonne schien, und ich glaube, das hat Barbara gefallen. Sie war ganz ruhig und hat mit ihren Äuglein neugierig geguckt. Dann hat sie im Wagen geschlafen. Heute hat die Kleine den ganzen Morgen geweint. Ich weiß nicht, warum. Sie ist nicht krank. Ich habe Fieber gemessen. Für Zähne ist es auch noch zu früh, hat der Kinderarzt gesagt. Vielleicht sollte ich jetzt mehr passiertes Gemüse füttern. Die Beunruhigung der Mutter über die Verfassung des Kindes hörte Lothar Rein nicht heraus.


______
<- 15. Folge: Geburt
17. Folge: Gl├╝ck ->