1. Buch: Die psychologische Ebene -> 2. Kapitel: Barbaras Kindheit und Jugend -> 19. Folge: "Nein"

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"Nein"

Erzählung

War es ein Zufall, war es Instinkt? Die kleine Barbara fand heraus, dass die Ordnung der Dinge auch umkehrbar war. Diese Ordnung, die sie lernte, war geprägt davon, dass die Welt in sie hineinfand: das Licht, die Berührungen, die Fütterung. Es gab einen Rhythmus, die Augen zu öffnen, die bloße Haut mit der Welt in Berührung zu bringen und sich die Nahrung einzuverleiben. Aber es gab auch ein ´heraus´. Auch das war lustvoll, obwohl ihre Ordnung der Welt das nicht vorsah. Ihr Gott wollte das nicht. Aber sich auf diese Art zu spüren, war verführerisch. Sie war sie selbst, sie war wie ihr Gott. Barbara spuckte. Die Mutter war beunruhigt. Das Kind vertrug nicht die von der Mutter zubereitete Nahrung. War sie überhaupt eine gute Mutter? Barbara trank mit der Milch, die ihr die Mutter gab, auch die Angst der Mutter. Die Milch ließ ihren Körper wachsen. Und eines Tages machte sich die Angst in ihrem Inneren heimisch. Sie fesselte ihre Seele. So verschwand auch das Spucken.

War Ursula Rein eine schlechte Mutter? Nein. Es gab eigentlich nur ein Problem. Ursula Rein konnte es nicht ertragen, als Mutter unvollkommen zu sein. Wenn sie einen Fehler hatte, dann den, dass sie nicht bereit war zu akzeptieren, dass sie - wie jede Mutter - manches falsch machte. Wenn sie das hätte akzeptieren können, dass sie auch manchmal oder in gewisser Hinsicht eine böse, d. h. unzureichende Mutter war, dann hätte sie auf die Bedürfnisse des Kindes besser gehört, hätte sie ihrem Mann mehr Einfluss eingeräumt. Aber dass es nun nicht so war, liegt nicht allein an Ursula Rein. Ihr Mann konnte ihr nicht ausreichend Sicherheit geben, ihre Eltern waren keine wirkliche Unterstützung, und sie orientierte sich an einem unrealistischen Mutterbild, das ihr die Gesellschaft anbot.

In der Zeit um den 8. Monat, als Barbara anfing zu fremdeln, als sie zaghaft versuchte, der Mutter offenen Widerstand entgegenzusetzen, wurde der Zwang für einen Augenblick offenbar. Die Mutter nahm einen kleinen Löffel mit dem Brei, hielt ihn der Kleinen vor den Mund. Barbara presste die Lippen aufeinander. Das hatte sie noch nie gemacht. Die Mutter schob den Löffel langsam zwischen die Lippen, unaufhaltsam. Sie ließ überhaupt keine Wartezeit zu. Es war kein Einverständnis zwischen beiden, dass ein Machtkampf entstanden war, dass Barbara etwas wollte, was die Mutter nicht wollte. Es war nicht so, dass die Mutter den Sieg davon tragen würde oder dass Barbara triumphierte. Es gab nachher keine Schuld und keine Schuldgefühle. Ursula Rein überwand nicht den Widerstand ihres Kindes, sie machte ihn ungeschehen. Mit der Linken hielt die Mutter den Kopf. Das wollen wir gar nicht erst einreißen lassen. Das war ein bis dahin unbekannter Ton unmissverständlicher Eindeutigkeit. Die Kleine schluckte, was ihr eingeflößt wurde. Der zweite und dritte Versuch, die Lippen aufeinander zu pressen, waren schon deutlich schwächer. Die Mutter strahlte: Na also. Das muss doch nicht sein.


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<- 18. Folge: Die Mutter