1. Buch: Die psychologische Ebene -> 5. Kapitel: Eine kurze Bl├╝te -> 41. Folge: Entdeckung der Wirklichkeit

Deutungsebene ausblenden

Entdeckung der Wirklichkeit

Erzählung

Etwas änderte sich doch an den Gewohnheiten Barbaras. Sie saß neuerdings oft am Fenster und schaute auf die Straße hinaus. Es gab da nichts Besonderes zu sehen, Fußgänger, Autos, ein Kiosk. Es war keine belebte Straße, eine der üblichen Nebenstraßen in der Stadt, ohne Bäume, mit vielen parkenden Autos. Aber es war der Blick nach draußen, in die Welt. Es war nur wenig Himmel zu sehen, das Blau bei Sonnenschein, das Grau bei Regen. Sie sah die leichte Kleidung der Menschen, wenn es warm war, den hastigen Lauf, wenn es regnen wollte. Sie sah Mütter, die geduldig oder auch weniger geduldig mit ihren kleinen Kindern den Bürgersteig hinunter gingen, Lieferanten, die etwas in die Häuser trugen, alte Männer, die zum Kiosk schlurften. Und sie sah die Fenster gegenüber, manche, die immer gleich aussahen und nichts dahinter erkennen ließen, andere, die den Blick in ein wechselvolles Leben frei gaben. Es blieb bei der Distanz. Barbara nahm am Leben nicht mehr teil als früher, aber sie nahm die Welt zur Kenntnis.

Barbara hatte sich immer im Mittelpunkt ihres Daseins gesehen, nicht weil sie sich so wichtig genommen hätte, sondern weil sie keine richtige Vorstellung davon hatte, wie die Welt um sie herum beschaffen war. Mit der Beziehung zu Rene entdeckte sie, dass Rene etwas ganz eigenes war. Das war etwas ganz anders als die Beziehung zur Mutter. Der Mutter war sie zwar wichtig, aber so dass sie sich wie ein Teil der Mutter fühlte, als ob sie eigentlich noch nicht geboren war. Rene war etwas eigenes und darum war sie neben ihm auch etwas eigenes, nicht zuletzt darum, weil er ein Mann, sie eine Frau war. Sie verstand erst jetzt, dass zwischen ihr und den anderen, zwischen ihr und der Welt ein unüberbrückbarer Unterschied war. Es gab etwas, was nicht nur ihre Phantasie war, sondern wirklich.

Das besondere war, dass sie sich mit etwas anderem als sich, ihren Symptomen und ihren Gewohnheiten beschäftigte, dass sie an einen anderen Menschen dachte, dass ihre Zeit einen Fixpunkt bekam. Das Leben von Barbara hatte etwas bekommen, das sie vergessen ließ, darüber nachzudenken, wie man lebt. Sie lebte einfach, wenn auch noch sehr schwach.


______
<- 40. Folge: Ein Liebhaber
42. Folge: Sorgen ->