1. Buch: Die psychologische Ebene -> 5. Kapitel: Eine kurze Bl├╝te -> 39. Folge: Uneigennütziges Interesse

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Uneigennütziges Interesse

Erzählung

Das erste Mal traf sie Rene im Supermarkt. Er stand an der Kasse vor ihr, ziemlich groß und ziemlich dick, in einem fleckigen, ausgeleierten T-Shirt, mit Brot, Käse, Milch, Bier und Zigaretten. Er suchte lange in seinem Portemonnaie, um das passende Kleingeld zusammenzubringen. Barbara legte derweil ihre Sachen aufs Band, eine Packung fiel auf die Erde. Er bückte sich, um sie aufzuheben. Ist ja Gott sei Dank nicht kaputt gegangen, es war offensichtlich, dass er mit ihr ins Gespräch kommen wollte. Barbara murmelte etwas und kümmerte sich um ihre Lebensmittel. Rene war fertig, hatte seine Sachen in einer Plastiktüte verstaut und blieb in ihrer Nähe stehen, bis sie sich anschickte zu gehen. Er ging neben ihr her. Hier ist es viel billiger als drüben, bemerkte er und fügte, als sie schwieg, hinzu: Na ja, bis morgen dann. Kommste dann? Sie lächelte: Ich komme immer nur Dienstags. Am nächsten Dienstag um die gleiche Zeit war er da, kaufte Brot, Käse, Milch, Bier und Zigaretten. Wie geht´s? Kommste mit `n Kaffee trinken? Barbara kam mit. Sie tranken Kaffee in einem Stehcafe. Rene erzählte was von sich und seinem Computer. Barbara hörte zu und erzählte nichts. Es wäre übertrieben zu sagen, dass sich Barbara auf den nächsten Dienstag gefreut hätte. Aber sie dachte die Woche über mehrmals an Rene und dass sie ihn in sechs, in fünf, in drei, in zwei Tagen morgen treffen würde. Diese Gedanken waren weder besonders intensiv noch mit großen Erwartungen verbunden.

Barbara merkt, dass Rene sich für sie interessiert. Sie selbst hat noch kein Gefühl von Liebe, aber es gefällt ihr, dass Rene sie als Frau sieht und sie so nimmt, wie sie ist. Das kennt sie kaum.

Barbara und Rene kamen sich näher. Barbara fing an zu erzählen und im Gegensatz zu ihm, der immer dasselbe T-Shirt an zu haben schien, immer in den gleichen verbeulten Jeans herumlief, fing Barbara an, sich zurecht zu machen. Es war nicht besonders aufregend. Aber sie frisierte sich mit mehr Sorgfalt, schminkte sich die Lippen und zog sich mit mehr Ãœberlegungen an. Barbara war nicht verliebt. Eine solche Regung war ihrem Herzen bislang fremd gewesen, und sie sollte das auch in ihrem Leben nicht kennen lernen. Aber sie empfand Interesse für Rene. Sie erfuhr, dass er öfter schon in der Klapse gewesen war, dass er laufend Medikamente nahm, dass er früher mal studiert hatte, jetzt aber von Sozialhilfe lebte, dass er ziemlich viel von Computern verstand und sich etwas Geld damit verdiente. Barbara fand das interessant, weil es das Leben eines anderen Menschen war, der es ihr erzählte, ohne etwas von ihr zu wollen.

Barbara war es gewohnt, dass die Menschen um sie herum sie für ihre Zwecke instrumentalisierten.

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