1. Buch: Die psychologische Ebene -> 5. Kapitel: Eine kurze Blüte -> 42. Folge: Sorgen

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Sorgen

Erzählung

Eines Dienstags war Rene nicht da. Barbara machte ihre Einkäufe wie immer. Auch dann tauchte er nicht auf. Barbara ging nach Hause. Sie rief ihn nicht an, sie ging auch nicht zu seiner Wohnung, die ganze Woche über. Aber schon am ersten Tag wurde sie unruhig. Sie legte sich aufs Bett, wie sie es jeden Tag tat, um da stundenlang zu liegen. Aber jetzt stand sie auf und ging unruhig in der Wohnung hin und her. Sie schaute aus dem Fenster, sie horchte auf die Klingel, ging zum Telefon. Wer sollte kommen, wer anrufen? Ein Gefühl machte sich in ihr breit, das sie nie vorher gehabt hatte. Barbara machte sich Sorgen. Sie dachte an ihn mit der Frage, was er mache, wie es ihm gehe. Barbara schlief schlecht und träumte viel, ohne am Morgen zu wissen, wovon. Nach zwei Tagen ging sie, ohne Vorsatz, zum Supermarkt. Verstört stand sie zwischen den Regalen und wusste nicht, was sie dort sollte.

Hier merkt Barbara, dass die zarte Liebe etwas mit ihr gemacht hat.

Die Mutter, die seit Monaten mit einer Mischung aus Zufriedenheit, Neugier und unerklärlicher Angst bemerkt hatte, dass Barbara ruhiger und gefestigter erschien, registrierte die neuerliche Unruhe von Barbara mit dem Gedanken: Wie sollte das auch gut gehen? Und sie bemerkte auch, dass Barbara, trotz der Unruhe, nicht die Nähe der Mutter suchte. Am nächsten Dienstag hatte sich Barbara etwas gefangen. Doch war sie noch so nervös, dass sie ihr Portemonnaie vergaß. Sie musste auf halbem Weg umkehren, um es zu holen. Rene war wie gewöhnlich schon im Supermarkt. Ich dachte, du kommst nicht, sagte er und fuhr fort: Meine Eltern und meine Schwester waren letzte Woche da. Ich musste mit zu meiner Oma, die hat einen Schlaganfall. Sie liegt im Krankenhaus und kann nicht essen. Es läuft ihr immer wieder aus dem Mund. Barbara nahm es zur Kenntnis und sagte nichts. Die rechte Seite ist gelähmt, ergänzte Rene. Magst du deine Oma? fragte Barbara schließlich. Als ich klein war, habe ich ein paar Jahre bei ihr gelebt. Sie kann prima kochen. Immer wenn ich zu ihr gehe, kocht sie für mich. Dann korrigierte er sich bekümmert: Hat sie gekocht. Die Ärzte sagen, dass es nicht gut aussieht. Barbara war schweigsam. Sie betrachtete Rene, wie er sprach und rauchte. Das erste Mal sah sie ihn genau an. Sie sah sein wirres, dichtes, dunkles Haar. Müsste mal wieder gewaschen werden. Sie sah seine klaren grauen Augen. Er spricht mit den Augen. Die Gesichtshaut war glatt. Er musste sich am Morgen rasiert haben. Das T-Shirt war ausgeleiert und fleckig. Der Bauch war entschieden zu dick. Die Finger der rechten Hand waren gelb von Nikotin. Barbara hörte auf seine Stimme. Es war eine männliche, ruhige, warme Stimme, die sie einhüllte wie eine warme, weiche Decke. Sie bemerkte zum ersten Mal, dass sie sich neben ihm, der so groß war, beschützt fühlte.


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43. Folge: Flüchtiges Glück ->