1. Buch: Die psychologische Ebene -> 5. Kapitel: Eine kurze Bl├╝te -> 40. Folge: Ein Liebhaber

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Ein Liebhaber

Erzählung

Lange trafen sie sich dienstags im Supermarkt und tranken danach ihren Kaffee im Stehen. Jeder zahlte den Kaffee für sich. Nie machte einer den Versuch, den anderen einzuladen. Eines Tages meinte Rene: Kommste mit in meine Wohnung? Er sagte nichts weiter dazu. Barbara fragte auch nicht. Sie ging einfach mit. Rene wollte mit ihr schlafen und sie ließ es zu. Sie fand es schön, aber nicht aufregend. Nachher sahen sie zusammen Fußball, wie es Rene wollte, dann einen Film. Rene trank Bier. Willste auch eins? Barbara wollte nicht. Wasser? Nee. Barbara fühlte sich auch so wohl. Sie saß in dem Sessel, der vor dem Fernseher stand, Rene auf dem Boden daneben. Er hatte darauf bestanden. Sie saßen in dem Raum, der Rene als Schlaf- und Wohnzimmer diente, der neben dem Bad und der winzigen Küche die ganze Wohnung ausmachte. In einer Ecke stand der Computer mit viel Kabelgewirr, CDs und anderem Kram. Auf dem Tisch lag alles durcheinander und dazwischen ein voller Aschenbecher. Als Barbara später ihre Tasche mit den Lebensmitteln nahm, um nach Hause zu gehen, brachte er sie ohne Einwände zur Tür. Er beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen schüchternen Kuss auf die Wange. Barbara hielt ruhig, aber erwiderte den Kuss nicht. Tschüss. Bis nächsten Dienstag, sagte er noch. Dann ging sie allein durch die Dämmerung nach Hause. So hatte Barbara das erste Mal in ihrem Leben einen Freund und Liebhaber. Sie erzählte es niemandem. Und da sich ihre Lebensgewohnheiten kaum veränderten, merkte es lange Zeit keiner. Nur Robert gegenüber, dem alten Freund der Eltern, machte sie einmal eine Bemerkung, dass sie eine Verabredung mit Rene habe. Robert wollte sie zu einem Bummel durch die Stadt einladen. Wieso Robert das machte, wusste Barbara nicht. Seit einiger Zeit schon lud er sie immer wieder ein, mit ihm, manchmal auch mit seiner Frau, etwas zu unternehmen. Sie gingen ins Kino, spazieren oder saßen in einem Cafe. Und da das Leben von Barbara eintönig war, hatte sie die Einladungen, die in ziemlich großen Abständen kamen, bisher immer angenommen. Aber diesmal sollte es an einem Dienstag Abend sein und Barbara sagte ab. Die Mutter besuchte Barbara einmal die Woche. Dabei brachte sie ihr Lebensmittel mit. Was sie sonst noch brauchte, kaufte Barbara dienstags im Supermarkt. An dieser Gewohnheit änderte sich nichts. Im Supermarkt traf sie Rene, mit dem sie anschließend Kaffee trank. Manchmal ging sie mit in seine Wohnung, wenn er sie dazu einlud. Nie ergriff Barbara die Initiative, und nie lehnte sie sein Ansinnen ab. Nachher saß sie dann im Sessel vor dem Fernseher, Rene auf dem Boden. Er trank Bier, und auf dem Tisch standen Blümchen. Den Weg von Rene nach Hause, fast eine dreiviertel Stunde zu Fuß, machte sie allein.

Sie spürten, dass sie behutsam miteinander umgehen mussten. Die Ichgrenzen der beiden waren schwach und mussten respektiert werden.

Beide waren wortkarg. Aber die wichtigsten Dinge erfuhren sie voneinander. Als Rene eines Tages sehr unruhig war, von einem Bein aufs andere trat, meinte Barbara: Zu viel Medikamente? Waren wieder so viele Stimmen, da habe ich einfach was drauf geschüttet, bestätigte er und erzählte: Mein Arzt gibt mir, was ich brauche, macht aber keinen Druck. Meine Schwester, die blöde Kuh, ruft an und will wissen, ob ich meine Medikamente nehme. Er erregte sich etwas. Ist doch meine Sache. Meine Schwester ist 3 Jahre älter und hat Kinder, um die sie sich kümmern kann. Kohle hat sie auch; der Computer ist von ihr.


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