1. Buch: Die psychologische Ebene -> 5. Kapitel: Eine kurze Blüte -> 44. Folge: Angst vor der Liebe

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Angst vor der Liebe

Erzählung

Eines versuchte Barbara nicht: die Medikamentendosis zu erhöhen. Das hätte sie mühelos erreichen können. Wahrscheinlich wäre ihre Unruhe von der Apathie, die die Medikamente erzeugt hätten, auch erschlagen worden. Eines Dienstags ging Barbara nicht mehr zum Supermarkt. Sie blieb zu Hause. Die Mutter fand sie in einem schrecklichen Zustand vor. Man sah ihr die Qual, die Unruhe und Angst an. Barbara zitterte am ganzen Körper. Der herbei gerufene Arzt gab Barbara eine Spritze, nach der sie lange schlief. Danach ging es wieder los. Barbara konnte aus Angst das Haus nicht mehr verlassen. Auch die Verabredung mit Robert nahm sie nicht wahr. Aber im Gegensatz zu früher wollte sie keine Medikamente. Sie sträubte sich vehement, in die Klinik zu gehen, und sprach mehr als sonst mit ihren Stimmen. Alle Gedanken und Erinnerungen an Rene und die Zeit mit ihm waren verschwunden. Statt die Sorge um Rene hatte sie nun Angst. Barbara hatte Rene mit ihrer Angst ausgelöscht.

Hätten die Ärzte oder die Mutter von Rene gewusst, hätten sie gesagt, dass die neu aufbrechende Krankheit die Beziehung zu Rene zerstörte. Aber wir denken, dass es umgekehrt war. Rene war eine Chance zu gesunden. Weil Barbara die Liebe nicht ertragen konnte, wurde sie wieder psychotisch. Sie hat kapituliert.

Es war eine schreckliche Zeit, die sich über viele Monate hinzog. Nichts half. Die Nachbarn hörten sie oft in ihrer Wohnung schreien und schimpfen. Oder sie rief bei der Mutter an und sprach wirres Zeug. Sie zerriss ihre Kleider, zerstörte die Wohnungseinrichtung und rief unverständliches Zeug durchs offene Fenster auf die Straße. Schließlich kam Barbara gegen ihren Willen in die Klinik. Unter den Medikamenten, die man ihr dort gab, war sie so eingeschränkt und gedämpft, dass die Mutter ihr Kind nicht wieder erkannte. Wie ein Roboter lief sie geradeaus. Der Speichel lief ihr aus dem Mund und sie war unfähig, auch nur eine kurze Zeit den Körper ruhig zu halten. Die Mutter holte sie aus der Klinik und versorgte sie wie früher. Die Medikamente wurden etwas reduziert, so dass Barbara wieder ein menschliches Gesicht bekam. Aber dadurch kam die Angst zurück. Barbara verließ ihre Wohnung nicht mehr. Auch dieser erbärmliche Zustand dauerte lange. Es verging ein Jahr und fast noch ein zweites. Erst als Barbara wusste, dass sie bald sterben würde, wurde es besser. Die quälenden Gefühle in ihr schwanden. Und damit verblassten auch die Erinnerungen. Nur noch gelegentlich sah sie in ihrer Seele flüchtige Schatten von Menschen. Möglich, dass Rene auch dabei war. Damit kehrte Ruhe in Barbara ein, eine Ruhe, die sie nie in ihrem Leben gekannt hatte.


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