1. Buch: Die psychologische Ebene -> 5. Kapitel: Eine kurze Bl├╝te -> 43. Folge: Flüchtiges Glück

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Flüchtiges Glück

Erzählung

Die Ordnung in ihrem Leben änderte sich nicht. Die Mutter kam und versorgte Barbara mit dem Notwendigsten. Sie erledigte auch alle wichtigen Dinge, z. B. Bezahlung der Miete, des Telefons etc. Barbara hielt ihr Wohnung sauber und kochte sich schon mal etwas. Mit den Speisevorschriften war es seit Ausbruch der Psychose nicht mehr so schlimm. Ab und an ging sie zum Arzt, holte sich die Medikamente und ließ die Untersuchungen machen, die notwendig waren. Sehr selten ging sie ins Haus der Eltern und traf dort den Vater, manchmal auch ihre Schwester bzw. deren Familie. Mit Robert ging sie gelegentlich aus, auch schon mal zusammen mit seiner Frau. Dienstags ging sie in den Supermarkt, traf dort Rene, trank mit ihm Kaffee und ging manchmal mit ihm nach Hause. Das war ihr Leben. Aber dieses Leben hatte sich in einer nur für Barbara bemerkbaren Weise völlig verändert. Das erste Mal, als sie Rene an einem Dienstag im Supermarkt traf, das zweite Mal, als Rene eines Dienstags nicht erschien. Die Unruhe verließ sie von diesem zweiten Dienstag an nicht mehr. Barbara war besorgt. Sie war besorgt um Rene, aber, wie sie undeutlich bemerkte, auch um sich.

Barbara hatte eine bessere Vorstellung davon bekommen, was die Wirklichkeit ausmacht. Aber an jenem Dienstag, als Rene nicht kam, hatte sie erfahren, dass darin auch eine Trennung enthalten ist, die sich nie auflösen lassen würde. Über die wirklichen Dinge kann man nicht beliebig verfügen, und was Rene macht, kann Barbara nicht bestimmen. Sie hatte sich von Rene abhängig gemacht. Damit war die Angst geboren, dass sie Rene auch wieder verlieren könnte. Das zu ertragen, war Barbara zu schwach.

Sie quälte sich. Nur wenn sie bei Rene war, wenn sie zusammen im Bett lagen oder vor dem Fernseher saßen, ging die Unruhe weg. Man hätte fast sagen können, dass sich in diesen Augenblicken so etwas wie Glück einstellte. Es war das Gefühl der Einheit mit sich, es war Ruhe und Leben. Sie lag neben ihm im Bett und griff nach ihm. Er war fest, man konnte ihn fühlen, er war ein wirklicher Mensch, er roch intensiv. Manchmal war er verschwitzt. Wenn sie miteinander Sex hatten, zogen sie sich nur die Hosen aus. Oben herum blieben sie bekleidet. So waren sie nie ganz nackt. Aber oft hatte Barbara das Gefühl, Rene würde sich wie ein Nebel auflösen. Dann überfiel sie Angst. Sie setzte sich auf, griff nach Rene. Mehr konnte sie nicht. Oft versuchte sie es mit dem Fernsehen, manchmal auch mit Biertrinken. Sie wollte sich ablenken. Das gelang nicht. Barbara hatte früher kaum jemals ferngesehen und jetzt fehlte ihr Rene dabei; denn Fernsehen, das war fest mit Rene verbunden. Aber diesen Zusammenhang durchschaute sie nicht. Sie ging öfter mal spazieren. Doch wohin sollte sie gehen? Irgendwie lag es nahe, zu Rene zu gehen oder einfach mal mit ihm zu telefonieren. Barbara ahnte, dass dadurch nur alles schlimmer werden würde.


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