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Sehnsüchte

Erzählung

Vielleicht kann ich am Wochenende wieder nach Hause gehen. Meine Mutter kommt mich ganz viel besuchen. Am Anfang wollte ich das gar nicht. Aber jetzt bin ich froh. Wir verstehen uns auch viel besser als früher.

Sylvia war ganz anders. Sie war rebellisch und musste sich sehr anstrengen, auf der Station nicht ständig aufzufallen. Man würde sie sofort entlassen, wenn sie sich nicht an die Regeln hielt. Sie aber wollte die Behandlung. Einige Wochen später ging sie aber plötzlich weg, ohne dass einer vom Personal oder von den Patienten davon wusste und ließ nichts mehr von sich hören.

Sylvia war oft mit Barbara zusammen, aber es war immer sie, die das Zusammensein lenkte. Sie fragte Barbara viel nach ihrem Elternhaus aus und sie erzählte freimütig von sich selbst.

Ich bin schon das dritte Mal hier und mit den Junkies tun sie sich ja schwer. Mögen die nicht. Dabei habe ich mir diesmal wirklich vorgenommen, clean zu bleiben. Wenn ich wollte, käme ich ja auch hier an Stoff. Nee, ich will‘s wirklich versuchen. Der Redestrom von Sylvia stoppte. Sie blickte weit weg in die Ferne.

Barbara sah der jungen Frau in die blauen Augen und es war ihr, als sähe sie darin ein Meer. Ein Meer, das glitzernd und blau unter der Sonne lag. Schaumkronen sah man hier und dort. Ein weißer Strand zog sich hin bis zum Horizont. Dazwischen gab es Stellen mit Bäumen, die weit hinaus ins Wasser wuchsen, Mangroven mit dem dunklen Grün. Alles war still und doch so lebendig. Es gab keine Menschen, kein Haus. Barbara sah gebannt auf diese Landschaft. Wie schön war die Welt! Sie lief durch das flache Wasser den Strand entlang, fühlte den körnigen Sand und das kühle Wasser an den Füßen. Sie sah den dichten Wald am Rande des Strandes. Dschungel, dachte sie und dachte zugleich an die schweren Düfte seiner Blumen, an schleichende Raubkatzen und an die Schönheit verborgener, gefährlicher Schlangen.  Sie warf sich in den Sand und Sylvia war bei ihr. Die jungen Frauen lachten. Am Rand des Waldes standen große Palmen, manche mit einem schiefen Stamm, so dass die Krone fast den Wasserspiegel berührte. Kokospalmen, mit dicken grünen und braunen  Nüssen, so hart und mit einem dichten Fasermantel, dass sie nicht so leicht aufzukriegen waren.

Barbara betrachtete die sandfarbenen Haare von Sylvia, ihr dunkelgrünes Kleid.

Meine Mutter hatte so viele Männer, sagte sie. Hat keinen gefunden, mit dem sie glücklich wurde. Einer hat sie auf den Strich geschickt und sie hat es für ihn gemacht. Sie glaubt, ich wüsste das nicht. Der war ein Arschloch. Die alte Sau hat es sogar bei mir versucht. Ich hab ihm aber auf die Finger gehauen und  dafür erpresst, bis er abgehauen ist. Jetzt hat sie einen, der ist so viel jünger als sie, einer, der aus dem Kosovo kommt. Sieht gut aus, der Typ.
Sylvia stand auf und ließ Barbara einfach sitzen.

Die Lebensgeschichte und das Verhalten von Sylvia ist einigermaßen typisch für eine Frau, die drogenabhängig ist. So wie sie sich hier präsentiert, ist die Prognose nicht schlecht. Gut möglich, dass sie sich nach ein paar Jahren stabilisiert.


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