3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 73. Folge: Als Patientin in der Psychiatrie

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Als Patientin in der Psychiatrie

Erzählung

Als Barbara aufwachte, war es schon hell. Der Lärm auf dem Flur hatte sie geweckt. Barbara sah zu den beiden anderen Betten in ihrem Zimmer. Eine der Frauen schnarchte, die andere atmete tief. Barbara zog die Bettdecke bis an das Kinn und wartete. Die Geräusche von draußen nahmen zu. Leute liefen hin und her, Türen wurden in rascher Folge auf und zu gemacht. Dazwischen waren Schritte zu hören, die immer näher kamen.
Eine Frau im weißen Kittel steckte den Kopf durch die Tür:
Aufstehen! Sieben Uhr. Die Augen der Frau in Weiß wanderten über die Betten. Es waren strenge Augen, aber aufmunternd, nicht böse.
Frau Landmann, Frau Riebock, Frau Rein aufstehen! Sehr laut sagte sie es und trat in das Zimmer.
Die beiden Frauen regten sich. Ja, ja.
Die Frau im weißen Kittel zog ab.
Barbara guckte über den Rand der Bettdecke.

Was waren das für Menschen, unter die Barbara geraten war? Die eine, die so laut geschnarcht hatte, war sehr dick und dabei noch jung. Sie schlurfte über den Boden, beide Hände vor sich haltend, als trüge sie ein Tablett. Sie lief ständig in dem kleinen Zimmer hin und her.

Diese junge Frau bekommt Psychopharmaka, und zwar Neuroleptika. Die stellen ruhig, dämpfen vor allem die Gefühle und führen darum zu einem Rückgang der schizophrenen Symptome. Aber sie haben auch erhebliche Nebenwirkungen, die alten Medikamente in erster Linie muskuläre Verspannungen, die neueren oft Gewichtszunahme.

Als die junge Frau sah, dass Barbara wach war, fing sie gleich an zu reden.
Ich heiße Franziska. Wie heißt du? Ohne die Antwort, die Barbara murmelte, abzuwarten, fuhr sie fort:
Ich bin jetzt schon fast zwei Monate hier, aber ich will bald nach Hause. Meine Mutter sagt auch, dass ich bald nach Hause kann. Ich muss noch Medikamente nehmen, aber bestimmt nicht mehr lange. Warum bist du hier? Wenn ich Ausgang kriege, können wir zusammen in die Cafeteria gehen. Das ist Frau Riebock, die hat eine Depression.
Währenddessen zog sie ihren Schlafanzug aus, lief nun völlig nackt weiter hin und her und zog sich dann an. Unterwäsche, Jeans, ein T-Shirt, alles schon etwas fleckig. Sie nahm die Zahnbürste und einen Kamm und ging hinaus.

Franziska benimmt sich wie ein kleines Kind. Das kann Folge der schizophrenen Störung, aber auch eine Nebenwirkung der Neuroleptika sein.

Wo ist das Badezimmer? fragte Barbara schüchtern die andere, die etwas älter schien und die liegen geblieben war. Nach einer Weile bekam sie die Antwort:
Draußen.


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