3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 75. Folge: Merkwürdigkeiten
Deutungsebene ausblendenMerkwürdigkeiten
Wie es schien, musste man sich hier nicht einmal anständig benehmen. Viele rochen ungewaschen, hatte schmutzige Sachen an und kaum einer sagte Guten Tag. Sie beobachtete einen Patienten, der auf den Boden spuckte. Barbara schüttelte sich. Gute Manieren hatte man ihr zu Hause beigebracht und sie legte Wert darauf.
Ein solches Benehmen muss nicht sein, wenn das Personal Zeit hat, darauf zu achten.
Sie
beobachtete Franziska. Immer wenn jemand durch die Tür
auf die Station kam, lief Franziska auf ihn zu.
Kann
ich eine Zigarette haben?
Kann ich mit Ihnen raus
gehen?
Wenn es jemand vom Stationspersonal war:
Kann ich Ausgang haben?
Wann werde ich entlassen?
Man hatte nicht den Eindruck, als ob irgendeine dieser
Fragen ernsthaft auf eine Antwort oder Reaktion abzielte.
Und doch gab es hinter diesem kindischen Verhalten der
jungen Frau etwas, was Barbara anrührte.
Hinter einem solchen albern erscheinenden Benehmen ist immer ein ernstes Problem verborgen. Aber es ist schwer zu klären, welches, weil auch Franziska keine Antwort darauf wüsste. Meistens liegt man richtig, wenn man das, was als störend empfunden wird, als die Botschaft betrachtet. Im Fall von Franziska würde das bedeuten, dass ihr infantiles Benehmen nicht ein Störfaktor, sondern die Botschaft ist, also etwa in dem Sinne: „Ich bin unfähig die einfachsten Dinge zu tun, wenn ich nicht Anleitung dabei bekomme. Wenn ich euch damit auf die Nerven gehe, so darum weil mich das auch stört. Ich möchte etwas erwachsener sein, aber ich kann es nicht, aus Gründen, die ich auch nicht verstehe.“ Man müsste darum versuchen, heraus zu bekommen, was Franziska daran hindert, erwachsener zu werden. Am Ende dieses Kapitels werden wir einige Hinweise dafür bekommen.
Barbara war nervös. Sie konnte sich nicht mit ihren üblichen Gedanken an das Essen ablenken. Das kannte sie nicht. Das war neu. Interesse konnte man es noch nicht nennen. Aber es war schon Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit für das, was um sie herum geschah. Zu Hause, wo sie vieles hätte tun können, saß sie oft stundenlang wie entrückt auf einem Stuhl. Hier, wo das ihre Tagesbeschäftigung werden sollte, machte es sie unruhig.
Jemand vom Personal kam auf sie zu.
Frau Rein?
Heute Nachmittag will Ihre Mutter kommen und Kleider
bringen.
Nach dem Mittagessen wurde sie gerufen. Der dunkelhaarige Mann, den sie in der morgendlichen Runde gesehen hatte, war tatsächlich der Stationsarzt, Dr. Schamadan. Er stammte aus einem orientalischen Land. Sie bemerkte, dass er noch Mühe mit der deutschen Sprache hatte. Sie fand ihn sympathisch.
Dr. Schamadan bat Barbara in sein Zimmer und fragte sie
aus. Er war nett zu Barbara. Ob sie schon mal krank gewesen
sei, ernstlich krank? Als sie verneinte, fragte er noch
einmal genauer nach: krank an Lunge, Herz, Leber etc.? Nein,
war sie nicht. Er fragte nach den Narben am Unterarm, wie
die zustande gekommen wären, er fragte nach
Medikamenten, nach Fressanfällen, Gewichtskontrolle
usw.
Was ist passiert auf Brücke? Warum wollten
Sie springen? Sie sind auf Gelände geklettert.
Warum?
Ich bin nicht auf das Gelände gestiegen,
log Barbara. Ich wollte nur weggehen. Ich wollte mich nicht
umbringen, was keine Lüge war.
Schließlich
untersuchte er sie und entnahm ihr Blut.
Für
Labor, wie er erklärte.
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