3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 76. Folge: Die medizinische Sicht
Deutungsebene ausblendenDie medizinische Sicht
Dann war Barbara wieder auf dem Flur und wusste wieder nicht, was sie tun sollte. Aber es verging keine Stunde, da wurde sie erneut in das Zimmer von Dr. Schamadan gerufen. Jeder neue Patient der Station wurde einem der Oberärzte, Herrn Dr. Hoffmann oder seiner Kollegin vorgestellt. Da der Chef der Klinik schon beinahe das Pensionsalter erreicht hatte, überließ er viele seiner Aufgaben Herrn Dr. Hoffmann, der faktisch die Klinik leitete.
Was die Patienten betraf, vertrat Dr. Hoffmann die Ansicht, dass sie krank seien und darum Anspruch auf eine differenzierte Therapie hatten. Er gab sich große Mühe bei der Diagnosestellung. Krankheit war für ihn immer ein körperlicher Zustand, das war für ihn als Arzt selbstverständlich. So ging er wie viele seiner Kollegen davon aus, dass alle schweren psychischen Störungen durch eine Krankheit des Gehirns verursacht seien - wenn diese Krankheiten in den meisten Fällen auch noch nicht bekannt waren.
Weil sie sich dann nicht mit ihrer Lebensgeschichte auseinandersetzen mussten. Diese Grundüberzeugung ist bestimmt für viele Patienten und ihre Angehörigen entlastend. Darum schätzen viele Patienten die konsequente Weigerung mancher Ärzte, psychische Störungen als Ausdruck einer missglückten Lebensgeschichte anzusehen.
Mit bei der Vorstellung war noch Frau
Gluck, die Stationsschwester, die sich während der
Oberarztvisite Notizen machte. Herr Dr. Schamadan
berichtete:
Frau Rein wurde gestern Abend nach
Suizidversuch aufgenommen. Sie ist erste Mal in klinische
psychiatrische Behandlung. Patientin hat auf
Eisenbahnbrücke gestanden, mit der Absicht zu springen.
Passanten haben sie gehalten und Polizei gerufen. Polizei
hat sie zu uns gebracht. Eltern haben erzählt, dass
Frau Rein einen Brief geschrieben hat, sich
umzubringen.”
Ich wollte mich nicht umbringen,
warf Barbara ein.
Das glauben wir Ihnen. Lassen Sie
aber erst mal den Stationsarzt erzählen, meinte Dr.
Hoffmann freundlich.
Barbara fügte sich.
Frau
Rein ist 28 Jahre alt und lebt bei Eltern. In der Anamnese
gibt es keine körperlichen Krankheiten. Meine Diagnose
lautet Borderlinestörung. Und dann erzählte er dem
Oberarzt noch eine Menge, was Barbara aber wegen der vielen
Fremdwörter - medizinische Fachausdrücke, wie sie
vermutete - nicht verstand, offensichtlich auch nicht
verstehen sollte. Sie bekam aber so viel mit, dass er
meinte, sie habe eine Depression. Die Bulimie und dass sie
sich geschnitten hatte, schien auch wichtig zu sein
Sie sagten, sie hatten nicht die Absicht gehabt, sich
umzubringen, wandte sich Herr Dr. Hoffmann direkt an
Barbara.
Ja, ich habe nur geschrieben, dass ich nicht
mehr nach Hause zurück wollte.
Aber Sie haben doch
auf der Brücke gestanden und wollten springen oder
dachten zu springen, wandte der Oberarzt ein.
Ich
wollte wissen, wie es ist, wenn ich springen würde.
Aber ich hätte nie den Mut dazu und ich hatte auch gar
nicht die Absicht.
Nach einer Pause, in der keiner
etwas sagte: ”Kann ich dann nach Hause gehen?
Ich
glaube, dass es eine ernste Sache für Sie war, auch
wenn Sie wirklich nicht an Selbstmord dachten, entgegnete
der Oberarzt. Wie geht es Ihnen denn heute?
Gut, sagte
Barbara.
Haben Sie sich in letzter Zeit öfter
verstimmt gefühlt, so dass Sie zu gar nichts Lust
hatten?
Ja schon, sagte Barbara.
Können Sie
uns sagen, seit wann das so ist? wollte Dr. Hoffmann
wissen.
Schon lange. Ich kann das nicht so genau
sagen.
Und Selbstmordgedanken, kennen Sie die?
Nein, log Barbara.
Wie ist es denn mit dem Antrieb.
Konnten Sie in den letzten Wochen und Monaten gut arbeiten?
Na ja, Sie waren ja nicht berufstätig. Haben Sie Ihre
Sachen erledigt?
Ja, meistens schon, antwortete
Barbara, wusste aber nicht so genau, was der Oberarzt
meinte.
Er fragte nach dem Appetit, nach der Verdauung, dem Schlaf, der Regelblutung. Er wollte wissen, ob Barbara schon mal Zeiten hatte, in denen sie sich besonders gut gefühlt hatte, welchen Schulabschluss sie hatte, ob sie in letzter Zeit irgendwelche körperlichen Beschwerden hatte, und schließlich fragte er sie, dabei wirkte er fast ein bisschen verlegen, ob Barbara schon mal Stimmen gehört hätte. Barbara antworte auf all das wahrheitsgemäß, mehr weil es ihr unwichtig vorkam.
Wenn Barbaras Verhalten als Ausdruck einer Krankheit betrachtet wird, dann braucht man dafür eine Diagnose. Der Oberarzt dachte, anders als Barbara, nicht an Konflikte und Beziehungsprobleme mit den Eltern, sondern in medizinischen Kategorien. Er war, wie viele Ärzte, der Überzeugung, dass das Verhalten von Barbara Folge einer Krankheit war, die im Gehirn lokalisiert ist. Am ehesten kam für ihn eine Depression in Frage. Darum fragte er sie genauer nach den Symptomen einer Depression. Barbara ihrerseits spürte, dass Selbstmordgedanken für den Arzt ein Grund gewesen wäre, sie länger in der Klinik festzuhalten.
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