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Die medizinische Sicht

Erzählung

Dann war Barbara wieder auf dem Flur und wusste wieder nicht, was sie tun sollte. Aber es verging keine Stunde, da wurde sie erneut in das Zimmer von Dr. Schamadan gerufen. Jeder neue Patient der Station wurde einem der Oberärzte, Herrn Dr. Hoffmann oder seiner Kollegin vorgestellt. Da der Chef der Klinik schon beinahe das Pensionsalter erreicht hatte, überließ er viele seiner Aufgaben Herrn Dr. Hoffmann, der faktisch die Klinik leitete.

Was die Patienten betraf, vertrat Dr. Hoffmann die Ansicht, dass sie krank seien und darum Anspruch auf eine differenzierte Therapie hatten. Er gab sich große Mühe bei der Diagnosestellung. Krankheit war für ihn immer ein körperlicher Zustand, das war für ihn als Arzt selbstverständlich. So ging er wie viele seiner Kollegen davon aus, dass alle schweren psychischen Störungen durch eine Krankheit des Gehirns verursacht seien - wenn diese Krankheiten in den meisten Fällen auch noch nicht bekannt waren.

Weil sie sich dann nicht mit ihrer Lebensgeschichte auseinandersetzen mussten. Diese Grundüberzeugung ist bestimmt für viele Patienten und ihre Angehörigen entlastend. Darum schätzen viele Patienten die konsequente Weigerung mancher Ärzte, psychische Störungen als Ausdruck einer missglückten Lebensgeschichte anzusehen.

Mit bei der Vorstellung war noch Frau Gluck, die Stationsschwester, die sich während der Oberarztvisite Notizen machte. Herr Dr. Schamadan berichtete:
Frau Rein wurde gestern Abend nach Suizidversuch aufgenommen. Sie ist erste Mal in klinische psychiatrische Behandlung. Patientin hat auf Eisenbahnbrücke gestanden, mit der Absicht zu springen. Passanten haben sie gehalten und Polizei gerufen. Polizei hat sie zu uns gebracht. Eltern haben erzählt, dass Frau Rein einen Brief geschrieben hat, sich umzubringen.”
Ich wollte mich nicht umbringen, warf Barbara ein.
Das glauben wir Ihnen. Lassen Sie aber erst mal den Stationsarzt erzählen, meinte Dr. Hoffmann freundlich.
Barbara fügte sich.
Frau Rein ist 28 Jahre alt und lebt bei Eltern. In der Anamnese gibt es keine körperlichen Krankheiten. Meine Diagnose lautet Borderlinestörung. Und dann erzählte er dem Oberarzt noch eine Menge, was Barbara aber wegen der vielen Fremdwörter - medizinische Fachausdrücke, wie sie vermutete - nicht verstand, offensichtlich auch nicht verstehen sollte. Sie bekam aber so viel mit, dass er meinte, sie habe eine Depression. Die Bulimie und dass sie sich geschnitten hatte, schien auch wichtig zu sein

Sie sagten, sie hatten nicht die Absicht gehabt, sich umzubringen, wandte sich Herr Dr. Hoffmann direkt an Barbara.
Ja, ich habe nur geschrieben, dass ich nicht mehr nach Hause zurück wollte.
Aber Sie haben doch auf der Brücke gestanden und wollten springen oder dachten zu springen, wandte der Oberarzt ein.
Ich wollte wissen, wie es ist, wenn ich springen würde. Aber ich hätte nie den Mut dazu und ich hatte auch gar nicht die Absicht.
Nach einer Pause, in der keiner etwas sagte: ”Kann ich dann nach Hause gehen?
Ich glaube, dass es eine ernste Sache für Sie war, auch wenn Sie wirklich nicht an Selbstmord dachten, entgegnete der Oberarzt. Wie geht es Ihnen denn heute?
Gut, sagte Barbara.
Haben Sie sich in letzter Zeit öfter verstimmt gefühlt, so dass Sie zu gar nichts Lust hatten?
Ja schon, sagte Barbara.
Können Sie uns sagen, seit wann das so ist? wollte Dr. Hoffmann  wissen.
Schon lange. Ich kann das nicht so genau sagen.
Und Selbstmordgedanken, kennen Sie die?
Nein, log Barbara.
Wie ist es denn mit dem Antrieb. Konnten Sie in den letzten Wochen und Monaten gut arbeiten? Na ja, Sie waren ja nicht berufstätig. Haben Sie Ihre Sachen erledigt?
Ja, meistens schon, antwortete Barbara, wusste aber nicht so genau, was der Oberarzt  meinte.

Er fragte nach dem Appetit, nach der Verdauung, dem Schlaf, der Regelblutung. Er wollte wissen, ob Barbara schon mal Zeiten hatte, in denen sie sich besonders gut gefühlt hatte, welchen Schulabschluss sie hatte, ob sie in letzter Zeit irgendwelche körperlichen Beschwerden hatte, und schließlich fragte er sie, dabei wirkte er fast ein bisschen verlegen, ob Barbara schon mal Stimmen gehört hätte. Barbara antworte auf all das wahrheitsgemäß, mehr weil es ihr unwichtig vorkam.

Wenn Barbaras Verhalten als Ausdruck einer Krankheit betrachtet wird, dann braucht man dafür eine Diagnose. Der Oberarzt dachte, anders als Barbara, nicht an Konflikte und Beziehungsprobleme mit den Eltern, sondern in medizinischen Kategorien. Er war, wie viele Ärzte, der Überzeugung, dass das Verhalten von Barbara Folge einer Krankheit war, die im Gehirn lokalisiert ist. Am ehesten kam für ihn eine Depression in Frage. Darum fragte er sie genauer nach den Symptomen einer Depression. Barbara ihrerseits spürte, dass Selbstmordgedanken für den Arzt ein Grund gewesen wäre, sie länger in der Klinik festzuhalten.


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