3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 77. Folge: Langeweile
Deutungsebene ausblendenLangeweile
Am Ende fragte Barbara ganz kühn: Und was
geschieht jetzt?
Es ist bestimmt besser, wenn Sie
einige Zeit bei uns bleiben. Wir werden einen
Behandlungsplan für Sie entwerfen, entgegnete der
Oberarzt. Er schien befriedigt und lächelte Barbara zu,
als ob sie gemeinsam eine schwierige Aufgabe glücklich
zu Ende gebracht hätten.
Barbara registrierte, dass sie also krank war.
Einerseits beruhigte sie das. Andererseits dachte sie:
Wieso bin ich krank?
Am späten Nachmittag kam Frau Rein, um ihrer Tochter Wäsche, Toilettenartikel und ein paar Bücher zu bringen. Sie habe schon früher kommen wollen, aber am Telefon habe man ihr gesagt, sie solle nicht so früh kommen, da noch eine Reihe von Untersuchungen vorgesehen seien. Am Nachmittag seien auch Handwerker zu Hause gewesen. Das Dach über der Terrasse vor dem Wohnzimmer werde abgerissen. Da komme ein neues Glasdach hin. Man wolle möglichst schnell mit dem Stationsarzt, besser noch mit dem Oberarzt sprechen. Darum war der Vater mitgekommen.
Aber der Besuch der Eltern war ungemütlich.
Barbara sollte die Station nicht verlassen, so musste man
sich in den Flur setzen. Barbara wurde zweimal
weggerufen. Einmal sollte sie ein Formular unterschreiben,
dann schickte man sie zum EEG:
Ableitung der
Hirnströme, erklärte eine junge
Krankenschwester.
Weder mit dem Stationsarzt noch mit dem Oberarzt war ein Besprechungstermin möglich. Das machte die Eltern missgelaunt. Aber weder sie noch Barbara stellten in Frage, dass Barbara auf der Station bleiben würde. Die Mutter erläuterte, was mitgebracht hatte und dass sie täglich, wenigstens alle zwei Tage kommen würde, um Barbara zu besuchen. Wenn ihr die Handwerker nicht einen Strich durch die Rechnung machen würden. Die schmutzige Wäsche könne ihr Barbara mitgeben. Cornelia würde bestimmt in den nächsten Tagen auch einmal vorbei kommen. Die Eltern umarmten Barbara zum Abschied. Nach der Brücke hatte sie nicht gefragt, auch keine Frage danach, was denn mit dem Brief eigentlich gemeint war.
Dann kam das Abendessen. Danach war es irgendwie geselliger auf der Station. Patienten sprachen sie an. Aber Barbara hielt sich zurück. Eine Krankenschwester kam auf sie zu und forderte sie auf, einige Tabletten zu nehmen. Wozu? dachte Barbara, nahm sie aber.
Der nächste Tag war langweiliger als der erste. Es
gab ja keine Untersuchungen. Barbara wartete
sehnsüchtig auf den Besuch der Mutter und lungerte auf
der Station herum. Sylvia kam auf sie zu. Die hatte sie am
Vortag schon gesehen, aber da war die etwa gleichaltrige
junge Frau immer an ihr vorbei gegangen. Jetzt strahlte sie
Barbara an.
Du bist zum ersten Mal in der Klapse, was?
Man gewöhnt sich dran. Nachher ist es sogar besser als
anderswo.
Sie erklärte ihr, welcher Pfleger
besonders nett, welcher faul, welche Schwester grob war, was
man der Oberärztin sagen musste, wenn man Ausgang
haben wollte oder weniger Medikamente.
Du
musst ihnen sagen, wie gut sie sind. Du musst über
deine Stimmen reden. Ach, du hast ja keine. Wahrscheinlich
schneidest du dich. Da ist es anders. Das können sie
nicht leiden. Besonders die Psychologen können kein
Blut sehen. Die können auch keine gesunden Patienten
leiden. Sylvia lachte.
Es gibt in psychiatrischen Kliniken immer Strukturen der Patienten, die das Personal überhaupt nicht mitbekommt, die aber für die seelische Hygiene der Patienten entscheidende Bedeutung haben. Sie können so Reste ihrer Autonomie wahren.
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