3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 74. Folge: Auf der Geschlossenen

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Auf der Geschlossenen

Erzählung

Beim Frühstück saß Barbara mit anderen Patienten zusammen. Es gab nur wortkarge Unterhaltungen. Keiner nahm von ihr besondere Notiz. Aber sie gehörte dazu. Jeder duzte sie.

Die Patienten trafen sich nach dem Frühstück in einem großen Raum. Vom Personal machte Barbara die Krankenschwester von heute morgen aus. Der dunkle, ernst schauende Mann, der kaum ein Wort sagte, schien Arzt zu sein. Sie wurde freundlich von der Krankenschwester in der Runde begrüßt.
 Wollen Sie uns etwas von den Problemen sagen, die Sie hierher gebracht haben?
Barbara schrak auf. Was sollte sie von sich sagen?
Von der Polizei bin ich gestern Abend hierher gebracht worden.
Das schien zu passen. Jedenfalls waren alle zufrieden. Der, der Arzt zu sein schien, nickte. Barbara bekam gar nicht richtig mit, was man da noch zu ihr sagte. Aber hätte sie mehr Übung darin gehabt, hätte sie bemerkt, dass auch etwas lauerndes in der Haltung des Personals lag.
Wie wenn ich gar keine Probleme hätte, dachte sie in einem Anflug von Übermut.
Und eigentlich habe ich doch auch gar keine Probleme. Die Probleme haben die anderen mit mir. 

Barbara war halb aufmerksam, halb hing sie ihren Gedanken nach. Sie verstand nicht ganz, was passierte. Die anderen Patienten wollten ihre Angelegenheiten regeln, Ausgang, Entlassung, Besuche. Aber wozu? Was gab es zu besprechen, wenn jemand gehen wollte? Man war doch nicht im Gefängnis. Gefängnis? Barbara erschrak. Sie realisierte, dass sie nicht mehr Herr des Geschehens war. Später überzeugte sie sich davon, was sie bei ihrer Einlieferung nur ungefähr mitbekommen hatte: Die Tür der Station war abgeschlossen, Bedienstete schlossen sie auf und schlossen sie zu, Patienten mussten schellen, wenn sie herein wollten, und an der Tür des Stationszimmers warten, dass man ihnen aufschloss, wenn sie hinaus wollten.

Ärzte können einen Menschen auch gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik einweisen und dort festhalten, wenn sie wegen ihrer seelischen Krankheit eine Gefahr für sich oder andere darstellen. Das muss aber ein Richter überprüfen und genehmigen. Dafür haben die psychiatrischen Krankenhäuser eine geschlossene Station. Auf einer solchen befindet sich Barbara. Formal gesehen ist sie freiwillig dort, obwohl sie eigentlich nicht will.

Selbst wenn es ausreichend geschultes Personal gibt, so dass die Patienten in Gesprächen mit Psychologen oder Ärzten ihre Probleme besprechen können, mehr als eine Stunde pro Tag wäre nicht zuträglich. Darum liegt es nahe, das Stationsleben mit den Patienten gemeinsam zu gestalten. Dafür gibt es in vielen psychiatrischen Krankenhäusern Gesprächsrunden, in denen die Patienten alle wichtigen Dinge des Stationslebens miteinander und dem Personal klären können. Lebensschule könnte man das nennen. Die Schwierigkeit besteht darin, die Sache so zu machen, dass sich die Patienten nicht wie im Kindergarten vorkommen, sondern ernst genommen fühlen.

Was nun? dachte Barbara. Sie stand auf dem Flur. Raus konnte sie nicht. Sie hätte es ausprobieren können, einfach jemanden bitten, ihr aufzuschließen und einfach nach Hause gehen oder sonst wohin. Aber das traute sie sich nicht. Eine der Krankenschwestern wies sie an, ihr Bett zu machen. Das war wie ein Geschenk. Wenigstens eine Aufgabe. Sie beeilte sich, sie auszuführen. Aber dann war das erledigt, und sie fragte sich wieder, was nun? Unschlüssig wanderte sie über die Station. Sie ging in das Zimmer, in dem sie ihr Bett hatte. Frau Riebock lag schon wieder. Sie schlief nicht, sondern lag da, ausdruckslos und nahm anscheinend keine Notiz von Barbara. Aber Barbara fühlte sich dennoch beobachtet.

Die Empfindungen von Barbara sind typisch für viele Patienten dort.

Wie ein Krokodil, das wie tot daliegt und dann plötzlich zuschnappt, dachte sie. Barbara hielt es nicht aus und ging wieder über die Station. Man konnte fernsehen. Was gerade lief, interessierte sie nicht. Es saß auch keiner vor dem Apparat. Aber sie wagte nicht, einen anderen Sender einzustellen.


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