3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 78. Folge: Gebrüll

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Gebrüll

Erzählung

Barbara staunte, als sie Sylvia so reden hörte. Die fuhr fort:
Manche kiffen hier auf der Station. Habe ich früher auch gemacht, aber jetzt nicht mehr. Wenn du was haben willst, der Jonas glaube ich, der mit den Ohrringen, der hat Gras. Der hat auch ein Handy, obwohl das hier verboten ist. Er lässt dich auch telefonieren. Er kann auf dem Handy sehen, wie viel Gebühren das kostet, und das musst du ihm bezahlen. Ich glaube er macht das so, dass er daran verdient. Der Jonas ist manchmal nachts auf. Die Nachschwester mit dem Dutt, die schläft schon mal in der Nachtschicht. Da kann man sich gut treffen, muss aber leise sein.
Wie lange muss man denn hier bleiben? fragte Barbara schüchtern. Sylvia lachte wieder.
Ich weiß ja nicht, was du hast. Du schneidest doch, oder?
Ja, schon,  gab Barbara zu.
Die bleiben hier nicht lange. Die letzte haben sie fast die ganze Zeit fixiert. Die hat sich fast in Stücke geschnitten. Dann haben sie sie mit Medikamenten voll gepumpt, dass sie nicht mehr Piep sagen  konnte. Die ist auf allen Vieren aufs Klo gekrochen und hat sich da mit einer Scherbe den Arm geschnitten. Die hat sich auch schon mal auf den Boden geworfen und nicht mehr geatmet. Wie sie das gemacht hat, weiß ich nicht. Das könnte ich nicht.
Das wusste Barbara wieder besser. Einfach lange genug tief und schnell in der Hocke durchatmen und dann schnell aufstehen.
Dann ist ihr Freund zu Besuch gekommen und hat ihr was gesagt. Danach hat sie sich zwei Tage ganz normal benommen, und die hier sind froh gewesen, dass sie sie entlassen konnten. Wenn eine wie du schnell entlassen werden will, musst du sie ein paar Tage ärgern und dann sagen, jetzt sei wieder alles normal. Du lässt dann alles, und sie können dich als gesund entlassen.
Dann fügte sie hinzu:
Bei mir ist das anders, ohne zu erklären, was sie damit meinte.

Nachmittags kam die Mutter. Dr. Schamadan hatte Barbara erlaubt, mit ihr eine halbe Stunde spazieren zu gehen. Das Wetter war schön, so gingen sie durch den Park, der zur Anstalt gehörte.

Als die Mutter Barbara an der Stationstür wieder ablieferte, wurde Barbara eilig von der Krankenschwester durch die Tür gezogen, so dass sich die Mutter kaum verabschieden konnte. Aus einem Zimmer hörte man lautes Gebrüll. Es polterte und dazwischen laute Schreie von Männern und Frauen. Die Patienten auf den Gängen taten so, als hörten sie nichts oder feixten.
Ihr Schweine! Ihr dreckigen Schweine! hörte Barbara. Pfleger kamen auf die Station gerannt, dann eine Schwester mit einem Tablett, auf dem allerlei medizinisches Zeug lag. Sie verschwanden in dem Zimmer. Nach einer Weile wurde es ruhiger. Schwestern und Pfleger kamen nacheinander heraus und gingen in den Personalraum. Schließlich kam auch Dr. Schamadan und schloss langsam die Tür hinter sich.

Eine halbe Stunde später war nichts mehr von der Aufregung zu spüren.

Was in Krankenhäusern ansonsten die lebensbedrohlichen Zustände sind, das sind in psychiatrischen Kliniken solche aggressiven Entladungen einzelner Patienten.

Am nächsten Tag lernte Barbara den Mann kennen, der so gebrüllt hatte. Es war Franz, ein Alkoholiker, der im Rausch von der Polizei in Handschellen eingeliefert worden war. Heute war er kleinlaut und katzbuckelte vor dem Personal, was die Patienten mit Verachtung registrierten. Er war verschwitzt und zitterte wie Espenlaub. Aber er bekam Medikamente und dadurch ging es ihm besser.

Franz hatte Entzugssymptome.


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<- 77. Folge: Langeweile