3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 81. Folge: Freundschaften

Deutungsebene ausblenden

Freundschaften

Erzählung

Die Freundschaft mit Franziska und Sylvia war für Barbara ein Gewinn. Sie fühlte sich nicht mehr so allein. Barbara ahnte auch, dass diese Freundschaft nur im Schutz der Klinik gedeihen konnte. Der Druck, dem sie zu Hause ausgesetzt war, würde ihr nicht die Kraft lassen, sich um anderes zu kümmern. Hier war die Familie weit weg. Das Leben auf der Station war das Leben einer abgeschirmten Welt. Barbara saß oft mit Franziska oder Sylvia zusammen, später als sie Ausgang hatte, ging sie oft mit einer von ihnen raus. Das Verhalten von Franziska, das so auffällig war, hatte sich allerdings nur wenig geändert. Manchmal ging es sogar Barbara auf die Nerven.

Einmal saß Barbara im Flur. Die Oberärztin kam auf die Station. Franziska sah sie und schoss auf sie zu.
Muss ich noch Medikamente nehmen? Franziska machte ein Geräusch als wollte sie weinen.
Darüber haben wir doch in der Visite gesprochen. Die Oberärztin  wandte sich um und trat in das Personalzimmer.
Franziska stand auf der Schwelle der geöffneten Tür: Mir geht es schon viel besser. Fast flehentlich: Wann kann ich denn nach Hause?
Ein Pfleger trat auf Franziska zu und drängte sie sanft aber bestimmt von der Schwelle: Jetzt lassen Sie uns bitte in Ruhe!
Franziska wandte sich ab, lief über den Flur und wieder zurück, postierte sich wieder vor dem ”Teamzimmer”, trippelte von einem Bein aufs andere. So stand sie schweigend mit geöffnetem Mund, 20 Zentimeter vor der Schwelle des geöffneten Zimmers, aufmerksam der Unterredung der Oberärztin mit dem Personal lauschend. Schließlich machte jemand die Tür von innen zu. Es war eine Glastür. Franziska stand nun vor der Tür und starrte angestrengt hinein, unablässig von einem Bein auf das andere tretend, die Arme angewinkelt. Für das, was um sie herum geschah, hatte sie kein Interesse.

An einem Sonntag Nachmittag, als es sehr ruhig auf der Station war, erzählte Franziska:
Meinen Vater kenne ich nicht. Meine Mutter war erst 18 Jahre alt, als sie mich bekam. Ihr Vater war sehr streng, Lehrer, und war sauer, als meine Mutter so früh schwanger wurde. Ihre Mutter hatte aber nichts dagegen, sondern freute sich, dass sie ein Baby  haben würde. Mehr weiß ich davon  nicht. Obwohl ich gern meinen Daddy kennen würde. Ich stelle mir vor, dass er ein großer Mann ist, der viel Geld verdient und vielleicht in Italien oder Spanien wohnt. Meine Mutter hat mir nie etwas von ihm erzählt. Ich glaube, in Wahrheit war er Student. Meine Mutter hat einmal einen Prozess geführt, wegen des Unterhalts. Aber ich weiß nicht, wie es genau war. Als ich klein war, lebte ich bei meiner Oma. Die lebt immer noch, aber ist schon ganz alt. Der Opa war nett, aber hatte nichts zu sagen. Dann heiratete meine Mutter. Mit meinem neuen Vater habe ich mich ganz gut verstanden. Er hatte ein Geschäft, er ist Heizungsbauer und hat viel Geld. Meine Mutter hatte immer die schönsten Kleider, es gab aber auch viel Krach zu Hause.

Von meiner Kindheit weiß ich aber gar nichts mehr. Es war alles normal. Meine Mutter kriegte dann noch ein Kind, meinen Bruder. Der ist 5 Jahre jünger als ich. Den hat sie mir immer vorgezogen. Mein Vater, ich meine meinen Stiefvater, nicht so, obwohl ich doch gar nicht sein Kind bin. Dann hat es aber immer wieder Krach gegeben. Ich glaube, ich war der Grund. Ich habe alles falsch gemacht. Mein Vater hatte eine Freundin, glaube ich. Da hat meine Mutter den ganzen Tag geweint und ich habe mit meinem Vater gesprochen. Ich habe ihm gesagt, das ist gemein. Er ist dann mit mir allein ein paar Tage weggefahren. Ich war schon 12. Er hat mit viele Sachen gekauft. Ich glaube, das war die schönste Zeit in meinem Leben. Aber als wir zurückkamen, war meine Mutter ganz sauer auf mich. Jetzt hat mein Vater keine Freundin mehr und die beiden vertragen sich besser.

Ich hatte auch mal einen Freund, Patrick. Der war süß. Dann fing das mit den Stimmen an. Eigentlich habe ich die schon ganz lange. Das weiß aber keiner. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und habe mich darum von Patrick getrennt. Meine Eltern meinten auch, dass der viel zu alt für mich war. Der hat auch so viel gekifft. Das habe ich da auch angefangen, und das Rauchen. Aber dadurch wurde ich in der Schule noch schlechter. Ich bin dann das erste Mal in die Klinik gekommen, die Jugendpsychiatrie. Mein Vater hat mich aber wieder rausgeholt, weil die mir nur die Medikamente gegeben haben. Die nehme ich jetzt auch. Die Stimmen höre ich aber trotzdem.

Eine Lebensgeschichte, wie man sie in ähnlicher Form nicht selten von jungen Frauen hört, die an einer Schizophrenie leiden.

 


______
<- 80. Folge: Stationsleben
82. Folge: Sehns├╝chte ->