3. Buch: Die soziale Ebene -> 11. Kapitel: Psychiatrie -> 84. Folge: Ein Erregungszustand

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Ein Erregungszustand

Erzählung

Schließlich wurde Barbaras Entlassung festgelegt. Montag in einer Woche sollte sie nach Hause gehen.

Die Mutter kam fast täglich zu einem Besuch in die Klinik. Aber auf der Station fühlte sie sich überhaupt nicht wohl und darum ging sie immer mit ihrer Tochter in dem schönen Park spazieren. Doch heute regnete es so heftig, dass sie den Spaziergang abbrechen mussten und in die Cafeteria der Anstalt gingen. Normalerweise vermieden die beiden die Cafeteria, Barbara weil sie dort nicht die Patienten treffen wollte, Ursula Rein, weil sie sich unter behinderten Menschen nicht wohl fühlte.

Als sie sich setzen wollten, trafen sie auf Franziska, die mit ihrer Mutter an einem der Tische saß. Sie stand auf, als sie die beiden sah.
Hallo Barbara! Meine Mutter und ich essen Kuchen und trinken Kaffee. Ihr auch?
Ursula Rein schaute etwas irritiert auf das junge Mädchen. Barbara versuchte zu erklären:
Das ist Franziska.
Guten Tag, sagte Frau Rein.
Franziska blickte zu ihrer Mutter, die unbeteiligt schien, dann wieder zu Barbara. Die beiden jungen Frauen standen einander gegenüber, jede halb ihrer Mutter zugewandt.
Wir wollten spazieren gehen, aber es regnet zu stark, bemerkte Barbara schließlich schüchtern. Das sollte eine abschließende Bemerkung sein, und sie setzte sich zur Mutter. Die hatte der anderen Mutter zugenickt und wartete auf eine Erwiderung des Grußes, ein Kopfnicken oder ein Lächeln oder ein Wort. Aber sie bemerkte nichts und wandte sich schließlich wieder Barbara zu.
Franziska stand immer noch da.
Meine Mutter und ich gehen immer hierher. Hier kann man Kuchen essen und Kaffee trinken. Aber ich trinke lieber eine Limo oder Cola, fuhr Franziska in ihrer albernen Art fort.
Ihre Mutter schaute gleichgültig in die Luft, nippte an Ihrem Kaffee, nahm auch nicht von ihrer Tochter Kenntnis.
Barbara sprach mit ihrer Mutter, die laute Rede von Franziska in ihre Richtung war jedoch nicht zu überhören. Die beiden Frauen wandten ihre Aufmerksamkeit wieder Franziska zu. Franziska stand noch an der gleichen Stelle und streckte ihre Arme in Richtung Barbara, als flehte sie um etwas. Aber etwas hielt sie fest, als sei sie angebunden. Ihre Mutter blickte durch alle hindurch.

Franziska will Kontakt zu Barbara. Aber in Gegenwart der Mutter kann sie es offensichtlich nur dann, wenn sie von der eine irgendwie geartete Unterstützung bekommt, vielleicht nur einen zustimmenden Blick. Die Mutter gibt Franziska aber diese Unterstützung nicht, was man so interpretieren könnte, dass sie eigenständige Aktionen von Franziska nicht ertragen kann. Franziska ist wie eingeklemmt in dem Bedürfnis, sich an Barbara zu wenden, und dem Zwang, die Zustimmung der Mutter abzuwarten. – Wenn man sich vorstellt, dass es zwischen Franziska und ihrer Mutter immer so gewesen war, dann wird verständlich, dass Franziska keine Autonomie entwickeln konnte.

Wie auf einem Photo blieb die Situation einige quälende Minuten lang unverändert. Franziska fing an zu zittern. Dann lachte sie überlaut, hörte mit dem Lachen nicht mehr auf. Sie lachte und lachte, nur für sich. In die Gruppe kam Bewegung.
Sie hört wieder ihre Stimmen, sagte die Mutter, griff ihr unter den Arm und zog Franziska an der Kasse vorbei, wo sie zahlte, hinaus.

Auf der Station war Franziska mehrere Tage in einem Zustand heftiger Erregung.  Sie lachte, schrie und sprach mit ihren Stimmen. Aber sie war auch aggressiv und attackierte das Personal. So musste sie einige Tage ans Bett gefesselt werden. Franziska bekam mehr und andere Medikamente. Nach etwa zwei Wochen war wieder alles wie früher.

 


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