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Depression

Erzählung

Barbara hatte sich im Krankenhaus eingelebt. Die Mutter kam fast täglich zu Besuch. Cornelia hatte sich nur zwei Mal blicken lassen, aber sie vermisste die Schwester  nicht. Das Personal schien ihre Symptomfreiheit als Erfolg der Therapie anzusehen, war es in gewisser Hinsicht auch war. Sie fühlte sich wohl, wenn man bei ihr diese Kategorie überhaupt anwenden durfte. Sie hatte Kontakte zu Menschen, wie sie es vorher nicht gekannt hatte. Neben Sylvia und Franziska war da noch Frau Riebock bzw. deren Tochter, die etwa im Alter von Barbara war und sich zu Barbara sehr freundlich verhielt. Sie zog Barbara bei ihren Besuchen manchmal in ein Gespräch.

Frau Riebock hat eine schwere Depression.

Frau Riebock war schon mehr als zwei Monate in der Klinik. Sie bekam eine Unmenge Tabletten, aber das schien ihr gar nichts auszumachen. Sie sagte so gut wie nichts, lag stundenlang nur im Bett. Zu allen Veranstaltungen und dem Essen musste sie immer wieder vom Pflegepersonal extra geholt werden. Sie roch auch unangenehm; denn sie vernachlässigte sich. Anfangs sprach Barbara sie vorsichtig an, irgendwann gab sie es auf. Sie interpretierte das Verhalten von Frau Riebock als Zurückweisung. Die wollte wohl nichts mit ihr zu tun haben.

Am Wochenende wurde Frau Riebock von ihrem Mann abgeholt. Sie durfte für zwei Tage nach Hause. Als der Mann sie am Sonntag zurück brachte und gehen wollte, stand Frau Riebock flehend an der Stationstür.
Nimm mich mit!
Herr Riebock küsste seine Frau auf die Stirn und wandte sich an die Krankenschwester, die Frau Riebock unter den Arm fasste. Dann schloss eine andere die Tür auf und ließ Herrn Riebock gehen. Noch lange stand Frau Riebock ausdruckslos vor der Tür.

Das war Sonntag Abend. Am Montag Morgen fand man sie in einem von Blut getränktem Laken. Aber sie lebte und brauchte auch keine Transfusion, wie sich später herausstellte. Mit einer Nagelschere hatte sie sich am linken Handgelenk geschnitten. Diese Schere hatte sie dem Necessaire von Barbara entnommen, obwohl sie ein eigenes Nageletui hatte. Noch am gleichen Tag kam sie aus der Chirurgie zurück, den linken Unterarm verbunden. Sie bekam nun noch mehr Tabletten und wurde in ein Zimmer verlegt, in das das Pflegepersonal bessere Einsicht hatte.

Ron, der auch wegen einer Depression auf der Station war, dem es aber schon einigermaßen gut ging, erzählte, dass er Herrn Riebock mit einer Frau in der Stadt gesehen habe.

Einige Tage später war Barbara allein mit Frau Riebock im Aufenthaltsraum. Frau Riebock saß reglos in einem Sessel, in den sie einer der Pfleger verfrachtet hatte. Von Barbara nahm sie keine Notiz.
Hat ihr Mann eine Freundin? fragte Barbara unvermittelt. Frau Riebock verriet durch nichts, dass sie diese Frage gehört hatte. Sie rührte sich nicht und sagte nichts. Aber einige Zeit später verließ sie abrupt den Raum und verlangte zu duschen. In der folgenden Woche ging es ihr deutlich besser. Sie bestand darauf, weniger Medikamente zu bekommen, und sie drängte auch bei ihrem Mann nicht mehr darauf, nach Hause geholt zu werden. Zwischen ihr und Barbara war offene Feindschaft.

Wie man sieht, ist es nützlich Konflikte offen anzusprechen. Frau Riebock muss von der Freundin ihres Mannes gewusst haben, sonst hätte sie nicht so reagiert. Aber sie brauchte es, dass es einmal offen ausgesprochen wurde.

 


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