3. Buch: Die soziale Ebene -> 13. Kapitel: Gibt es eine Lösung für die Schizophrenie? -> 90. Folge: Noch mal ein Versuch einer Therapie

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Noch mal ein Versuch einer Therapie

Erzählung

Barbara sprach mit gesenktem Kopf, leise, ohne Erregung. Nur manchmal blickte sie forschend in das Gesicht der Therapeutin. Diese Frau war erfahren in ihrem Beruf und machte über Wochen hin kaum eine Anmerkung zu den Berichten von Barbara außer:
Ach ja, ich verstehe, hm.

Ihr Bemühen war, erst einmal das Selbstvertrauen von Barbara zu stärken und das katastrophale Selbstbild von Barbara ein bisschen aufzuwerten. Sie versuchte Barbara klar zu machen, dass die scheinbar unsinnigen Symptome einen Sinn hatten. Die Symptome waren Ausdruck von Barbaras Bemühen, mit einer aussichtslosen Situation doch irgendwie zurecht zu kommen. Insofern verdiente Barbara Respekt. 
 

Wenn Sie sich mit Ihrem Speiseplan beschäftigen, können Sie Ihrem Leben doch eine Ordnung geben.

Frau German dachte: Und brauchen sich nicht der Mutter zu verweigern.

Wenn Sie sich verletzen, können Sie dadurch schwierige Situationen aushalten, können die Sache mit sich ausmachen.

Frau German dachte: Wenn Sie sich selbst Schmerz zufügen, bestrafen SWie sich für den Wunsch, anderen Schmerzen zufügen zu wollen, bestrafen Sie sich, bevor Sie wirklich etwas getan haben. So können  Sie die anderen schonen und brauchen nicht mit  ihnen streiten.

Der Schmerz, den Sie sich zufügen, beruhigt Sie. Sie fühlen sich und Ihren Körper. Der körperliche Schmerz ist leichter auszuhalten als die innere Spannung.

Frau German dachte: Vor allem leichter auszuhalten als die mörderische Wut.

Manchmal versuchte sie, die Abhängigkeit von der Mutter deutlicher zu machen, manchmal auch unverblümter mit einer Deutung, die mal mehr, mal weniger leicht zu durchschauen war:
In Ihren Panikattacken kann die Mutter Ihnen behilflich sein. So bleibt die Beziehung zur Mutter gut.
Wenn Sie sich selbst schneiden, brauchen Sie anderen nicht weh zu tun.

Frau German dachte: Was Sie tief in Ihrem Unbewussten wahrscheinlich wollen.

Und indirekt an die Mutter gerichtet: Ihrer Mutter ist kein Opfer zu groß für Sie.

Frau German dachte: Um Sie an sich zu binden. Was Sie aber auch genießen.

Irgendwann würde sie Barbara diese Deutungen auch mitteilen müssen. Aber der Zeitpunkt war noch lange nicht gekommen.

Über die Symptome wusste die Therapeutin ziemlich bald Bescheid. Das Problem war ein anderes. Was wollte Barbara von der Therapie? Sie wollte weniger Angst haben und mehr Freude an ihrem Leben, das war es jedenfalls, was sie der Therapeutin sagte.

Aber war Barbara auch bereit, die dafür notwendigen Veränderungen in Kauf zu nehmen?

Weniger Angst und mehr Freude am Leben, das würde bedeuten, dass Barbara mehr Gefühle zulassen und sich mehr Befriedigung ihrer Triebe gestatten müsste. Sie müsste empfinden können, dass ein Spaziergang, ein Plausch mit einer Freundin Spaß macht; dass man gefahrlos phantasieren kann, wie es in Afrika ist, oder mit dem Auto des Vaters davon zu fahren, die Eltern zurecht zu weisen etc. Die ganze Kindheit ist voll von solchen Phantasien. Je verrückter die Vorstellungen, desto besser.

 Aber wie bringt man einem Menschen Lust bei? Man kann ihn locken, ihn verführen. Genau das versuchte die Therapeutin. Sie wollte ihr weder etwas einimpfen noch etwas nehmen. Sie wollte Gefühle aus der Verbannung holen und gefangene Wünsche befreien.

Auf jeden Fall wollte sie vermeiden, in einen Gegensatz zur Familie von Barbara zu geraten; denn was wie ein Dissens in der Familie erschien, also der Streit zwischen Mutter und Vater, war längst ein Dissens in Barbara selbst. Und Barbara konnte sich nicht für eine Seite entscheiden. Sie legte Wert darauf, beiden Seiten in Barbara, aber auch Barbara und ihren Eltern als Personen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und sie miteinander zu versöhnen. Doch lag das letztere, auch bei einem günstigen Verlauf der Therapie, noch in weiter Ferne.


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