3. Buch: Die soziale Ebene -> 13. Kapitel: Gibt es eine Lösung für die Schizophrenie? -> 95. Folge: Noch mal Lucie
Deutungsebene ausblendenNoch mal Lucie
Darum ging sie bald in eine andere Praxis. Die Ärztin dort nahm sich mehr Zeit für sie und hatte offensichtlich auch mehr Patienten ihrer Art. Sie war eine liebe Frau, die sich lange die Beschwerden von Barbara anhörte, ihr Mut machte, aber schließlich auch nicht helfen konnte. Sie schien sehr ängstlich zu sein, fragte immer wieder danach, was Barbara so den ganzen Tag machte, wollte sie viele Male in die Klinik einweisen oder in ein Heim und war immer erst dann beruhigt, wenn die Mutter von Barbara sich meldete und entschied, was nun zu tun war. Weil sie so teilnahmsvoll zuhörte, mochte Barbara diese Ärztin. Es war auch ein Fortschritt gegenüber ihrem Kollegen. Aber sie hatte offensichtlich selbst zu viel Angst vor der ”Krankheit”, um sich mit ihr auseinandersetzen zu können.
Auf Anraten der Mutter machte Barbara auch die Bekanntschaft einer Homöopathin. Sie erzählte ihr ihre ganze Lebensgeschichte, beschrieb minutiös ihre Beschwerden und ihren Lebensrhythmus bzw. ihre Lebensgewohnheiten einschließlich der früheren Speiserituale. Die Frau hörte zu, ließ auch nichts aus, aber Barbara hatte den Eindruck, dass sie den Ernst der Lage nicht begriffen hatte. Sie leugnete, dass es überhaupt einen Feind gab. Barbara hätte ihre Psychose selbst ja gar nicht ”Feind” genannt. Aber dass es einen unversöhnlichen Gegensatz gab, und dass beides in ihr lebte, das war nicht in Zweifel zu ziehen. Für die Homöopathin waren die Beschwerden nur Entgleisungen ansonsten gut funktionierender Lebensprozesse. Die Ärztin verschrieb ihr Pillen und Tropfen, die sie genau nach Vorschrift nehmen musste. Es schien Barbara eine Zeitlang so, als ob sich etwas in ihr änderte, aber bald erlosch dieser Eindruck wieder.
Lucie meldete sich immer mal wieder. Mit der Zeit
wurden aber die Abstände zwischen den Besuchen bzw.
Anrufen größer. Schließlich rief Lucie auch
nicht mehr bei Barbara selbst an, sondern erkundigte sich
bei der Mutter nach dem Befinden von Barbara. Die Mutter
erzählte dann von den Schwierigkeiten Barbaras.
Sie war jetzt schon lange nicht mehr in der Klinik. Die
Medikamente nimmt sie ja. Aber die helfen auch nicht mehr.
Ich weiß nicht, was sie den ganzen Tag tut. Es muss
doch schrecklich langweilig für sie sein. Sie sieht
nicht mal fern. Früher hat sie ja noch gelesen. Aber
das tut sie auch nicht mehr.
Natürlich, geh sie
mal besuchen. Ich kann mal mit ihr darüber
sprechen.
Es kam auch noch einmal zu einem Besuch. Barbara freute
sich ganz offensichtlich. Aber sie sagte fast nichts. Lucie
war durch das merkwürdige Verhalten von Barbara
geängstigt. Barbara ließ überhaupt keine
Gefühlsreaktionen erkennen. Lucie erzählte von
ihrem beruflichen Alltag. Sie war Grundschullehrerin und
hatte Spaß an dem Umgang mit Kindern. Mit den Eltern
der Kinder kam sie nicht immer so gut aus.
Die
Männer sind ja meist ganz nett, jedenfalls wenn ihre
Frauen nicht dabei sind. Aber die Mütter wissen immer
alles besser.
Lucie merkte schnell, dass Barbara damit
nichts anfangen konnte. So versuchte sie es mit der
Wohnungseinrichtung. Sie wollte ihre Freundin in ein
Gespräch darüber hineinziehen, wie die karge
Möblierung freundlicher werden könnte. Barbara
sagte ”ja” und ”nein”. Der Besuch
war schnell zu Ende. Es war der letzte.
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