3. Buch: Die soziale Ebene -> 13. Kapitel: Gibt es eine Lösung für die Schizophrenie? -> 96. Folge: Der lustige Klaus

Deutungsebene ausblenden

Der lustige Klaus

Erzählung

Mit einem Mitarbeiter des Zentrums für psychisch Kranke freundete sich Barbara etwas an. Es war Klaus, ein älterer Mann, der jedem erzählte, dass er schwul war. Klaus sollte sich um die Besucher dieses Zentrums kümmern, was er auch engagiert tat. Aber er machte es auf seine Art. Er hatte Talent zur Darstellung, war immer zum Scherzen aufgelegt und sah den Sinn seiner Arbeit vor allem darin, seinen Schützlingen Lebensmut zu machen. Andere Dinge, ob etwa Barbara ihre Medikamente nahm, ob sie Ordnung oder sich sonst an die Regeln hielt, die ihr von wem auch immer vorgegeben waren, interessierte ihn nicht eigentlich. Wenn er sie sah, rief er, als ob er einen Star ankündigen wollte:
Halloooo! Barbara! Er umarmte sie, gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange und fing an zu erzählen. Er war ein sehr zuverlässiger Mensch. Barbara mochte ihn, weil er sie, was ihre Lebensführung betraf, in Ruhe ließ. Er führte ihr das Leben vor und verlangte nicht, dass sie selbst aktiv wurde.

Die Tage, in denen Klaus von anderen Männern umschwärmt wurde, wenn es denn überhaupt mal so gewesen war, waren vorbei. Sein Alter hatte ihm die Schönheit, die er in früheren Jahren besessen haben mochte, geraubt. Die Haut war faltig, das Haar dünn geworden. Zudem blieb er, trotz aller Anstrengungen abzunehmen, sehr rundlich. Das bekümmerte ihn sehr. Einen Partner hatte er nicht. Auch darüber sprach er häufig. Abgesehen vom Beruflichen lebte er ausschließlich in der Schwulenszene, kehrte nur immer wieder zu seiner Mutter zurück, von der er mit Respekt und Abscheu zugleich sprach. Er war ein großer Kenner und Liebhaber der Künste. Wenn er von einer Vernissage sprach, die er besucht hatte, war so viel Begeisterung in seiner Beschreibung , dass man Lust bekam, auch dorthin zu gehen.

Manchmal besuchte er Barbara in ihrer Wohnung, manchmal ging er mit ihr irgendwohin. Er machte aus allem ein aufregendes Ereignis. Wenn sie spazieren gingen, er hatte oft einen großen bunten Regenschirm bei sich, erzählte er, was er erlebt hatte und spielte es Barbara beim Gehen mit großen Gesten vor. Klaus hatte sich mal wieder in einen jungen Mann verguckt, den er in einer Kneipe gesehen hatte. Er hatte ihm in wunderbaren Worten deutlich machen wollen, wie sehr ihn seine Schönheit bezauberte. Dabei vergaß er nicht zu betonen, dass die Schönheit dieses Knaben Augen brauchte, die sie sahen. Klaus ging einige Schritte vor Barbara und deklamierte mit übertriebener Gestik.
Du bist die Sonne, die meine Augen sehen lässt, habe ich gesagt, und er streckte die Arme gegen den grauen Himmel, wo im Augenblick aber keine Sonne zu sehen war.
Ach, der göttliche Phidias, umsonst, umsonst hat er gelebt, weil er dich nicht gesehen hat. Zu Barbara gewandt:
Großer griechischer Bildhauer.
Und dann sind mir vor Begeisterung die Worte ausgegangen und ich habe ihm gesagt, dass ich ihn hinreißend finde. – Und weißt du, was der Kerl gemacht hat? Er hat sich an seinen Nachbarn gewandt, auch so ein junger Schnösel, und hat gelacht. Der hat den Namen Phidias bestimmt noch nie gehört. Barbara auch nicht.
Klaus sah an sich hinunter und war bekümmert. Aber dann fing er sich:
Siehe, es weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
dass das Schöne vergeht ...

Barbara hörte zu, sagte aber nichts.

Barbara wusste nicht genau, was Klaus meinte. Schönheit und Begehren waren ihr fremd geblieben. Aber sie bemerkte, dass das Leben von Klaus Ziele hatte. Er konnte erfolgreich sein und scheitern, er hatte Phantasien, mit denen er die Zukunft antizipierte, und er hatte Erlebnisse, die er seinem Schatz der Erinnerung hinzufügte. Klaus hatte eine Geschichte und er machte seine Geschichte.

 

All das hatte Barbara nicht. Sie hatte Symptome. Früher waren es die Speisevorschriften. Heute waren es die Stimmen, die mit ihr sprachen, und ihre Ängste. Diese Zwiegespräche waren anders als die mit Klaus. Es waren keine Neuigkeiten, es war nichts von der Welt, was sie durch die Stimmen erfuhr. Es war auch nicht wie die Liebesangelegenheiten von Klaus. Die verstand sie zwar auch nicht, aber sie spürte, dass darin etwas verborgen war, was zu wissen sich lohnen würde. Die Stimmen waren Barbara selbst, in ihnen traf sie immer nur auf sich.

 

Was die Begegnungen mit Klaus von anderen Unternehmungen unterschied, war, dass Klaus Barbara für nichts benutzte. Er war ihr zugewandt und doch distanziert. Klaus brauchte Barbara nicht. Seine Sehnsucht nach Liebe und Lust, sein Hass auf die Mutter und seine übergroße Liebe zu ihr, das alles konnte er in immer neuen Variationen in der Szene der schwulen Männer ausleben. Mehr brauchte er auch nicht. Ihn interessierte nichts anderes.

 

Und die anderen Menschen um Barbara? Was machte Ursula Rein mit ihrem Hass? Was Lothar Rein mit dem Gefühl seiner elenden Nichtigkeit, sein verbissenes Aufbegehren dagegen? Wie verarbeitete Cornelia die Demütigungen? Sie alle hatten gelernt, Gefühle, die in ihrem Leben entstanden waren, in Handlung und gesellschaftliche Realitäten umzuformen. Das erst gab ihnen das Gefühl, dass sie lebten. Aber es blieb doch ein Rest an inneren Widersprüchen.

 

Barbara hatte kein wirkliches Leben, das irgendwie einen Fortschritt bedeutet hätte. Sie blieb gänzlich auf ihren Gefühlen sitzen und machte daraus Symptome, Karikaturen gesellschaftlicher Prozesse. So vereinigte sie in sich die Widersprüche der anderen. Der Hass der Mutter, das sexuelle Elend des Vaters, die Demütigungen der Schwester, die Selbstzweifel von Lucie, die Ängste von Dr. Hoffmann lebten in Barbara. Das war es, woraus Barbara bestand.


______
<- 95. Folge: Noch mal Lucie
97. Folge: Barbara und Robert ->